Bericht und Ansprachen zum 10-jährigen Jubiläum der AAMOL im Juni 2002
Alte Denkmale musikalischer Art
Ein Bericht von Thomas Napp, erschienen im Amtsblatt der kreisfreien Stadt
Görlitz Ausgabe 13 / 2002 - Seite 21.
Alte Musik nur für alte Leute in einer Stadt der
Pensionäre?
Wer sich am vergangenen Wochenende die Zeit und die Muße nahm, die Konzerte der Akademie
für Alte Musik Oberlausitz zu besuchen, wurde schnell eines besseren belehrt. Mit
Vitalität und Spielfreude brachten ehemalige Studenten und Dozenten dieser seit einem
Jahr in Görlitz ansässigen Institution musikalische Raritäten und Leckerbissen zu
Gehör.
Was war jedoch der Anlass für die insgesamt vier Festkonzerte in nur
drei Tagen? Die Akademie für Alte Musik Oberlausitz, ehemals Dresdner Akademie
für Alte Musik, feiert in diesen Wochen ihr 10-jähriges Jubiläum. Im Sommer 1992
gründete sich auf Initiative der Stuttgarter Flötistin und Spezialistin für
Aufführungspraxis Alter Musik, Frau Prof. Ulrike Engelke, die Dresdner Akademie für
Alte Musik. Bevor jedoch die Akademie in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec heimisch
werden konnte, vergingen viele Jahre des Suchens und Hoffens. Nach den Anfängen in der
sächsischen Landeshauptstadt weilte man in den Jahren 1997-2001 in Marienthal. Da schon
1998 der Hauptsponsor, die Europera GmbH, aus Gründen der Geschäftsunfähigkeit die
zugesagte finanzielle Unterstützung nicht mehr leisten konnte, suchte seitdem die
engagierte Geschäftsführerin, Direktorin und künstlerische Leiterin der Akademie
für Alte Musik Oberlausitz, Frau Engelke, nach einem neuen Standort. Diesen fand sie
schließlich im letzten Jahr an der Neißstraße 8.
Auch wenn das räumliche Problem gelöst zu sein scheint, so trifft das
auf die finanziellen Sorgen keineswegs zu. Jedes Jahr stellt sich deshalb aufs Neue die
Existenzfrage. Den Löwenanteil der Fördergelder stellt derzeit die Stuttgarter
Robert-Bosch-Stiftung zur Verfügung. So wurden durch diese u.a. die historischen
Instrumente angeschafft. Aber auch Stipendien können aufgrund derartiger Fördermittel
den Studenten zur Verfügung gestellt werden. Weitere Unterstützung erfährt die Akademie
durch Interreg III der Europäischen Union. Leider decken die Gelder lediglich die
Grundversorgung.
Was macht die Akademie? Sie richtet sich an Absolventen von
Musikhochschulen in den Fächern Violine, Violoncello, Cembalo und Flöte. Im August tritt
die Oboe zu diesem Fächerkanon hinzu. Weiterführend unterrichten namhafte Dozenten die
Akademie-Teilnehmer sowohl theoretisch als auch praktisch in der Aufführung Alter Musik.
Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem 17. und 18. Jahrhundert.
Da die meisten Teilnehmer aus den angrenzenden osteuropäischen
Nachbarstaaten in unsere Europastadt kommen, bietet die Akademie für Alte Musik
Oberlausitz einen idealen Nährboden für musikregionale Ausgrabungen. Gerade weil die
Oberlausitz bis 1635 zu Böhmen gehörte, erweist sich dieser musikkulturelle Austausch
auch als sehr gewinnbringend für die Sechsstadt Görlitz.
Die in dieser Zeit gelebte Verständigung zwischen Dresden, Görlitz,
Breslau und Prag sollte im Zuge einer Renaissance der Renaissance auch uns Görlitzer
wieder dazu ermutigen, das europäische Zusammenwachsen, welches genau vor unserer
Haustür stattfindet, als Chance zu begreifen, mit Kultur nicht nur architektonische,
sondern insbesondere geistige Brücken zu bauen.
Gerade dieses Element der Völkerverständigung konnte man von Freitag
bis Sonntag in allen Festkonzerten der Akademie wahrnehmen. Einerseits sorgte dafür die
Auswahl der Komponisten, deren Herkunft von Mitteldeutschland über Schlesien und Böhmen
bis nach Italien reichte. Andererseits spiegelte sich dies in musikalischer Kommunikation
der Instrumentalisten wider. So musizierten polnische Musiker mit tschechischen, diese mit
ungarischen, welche wiederum mit deutschen auf ihren Instrumenten wetteiferten. Und
allesamt spielten unter der musikalischen Leitung von Simon Standage. Dieser sehr
sympathische Musiker ist Professor an der Royal Academy of Music in London und
zudem ein gefragter Konzertmeister und Solist in ganz Europa. Herr Standage zählt neben
Frau Engelke zu den Dozenten, die von Anbeginn die Akademie musikalisch leiten und als
Dozenten zahlreiche Musiker in die Europastadt Görlitz/Zgorzelec locken.
Am Freitagabend sollte um 19.30 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche die
musikalische Ouverture stattfinden. Nach kurzfristiger Änderung zog man in die Krypta der
Peterskirche um. Als dort um 20 Uhr die Suite d-Moll des böhmischen Barockkomponisten C.
Ferdinand Fischer mit dem von Herrn Standage geleiteten Internationalen Barockorchester
Görlitz erklang, war trotz mannigfaltigen Kulturangebotes die gotische Georgenkapelle
gut gefüllt. Das weitere Programm verband nicht nur Kulturen, sondern im Besonderen
einzelne Kulturbereiche. So folgte der böhmischen Ouverture eine Rezitation aus dem
lyrischen Schaffen von Martin Opitz durch den Görlitzer Kulturamtsleiter Stefan Waldau.
Weitere lyrische Amusements regionaler Dichter fügte er zwischen die musikalischen
Beiträge ein. Als Kontrast präsentierte die Barocktanzgruppe unter der Leitung von Jutta
Voss verschiedene Choreographien zu barocken Melodien. Des weiteren stellte sich das eben
erst gegründete Renaissance-Blockflötenconsort vor. Dieses Angebot an Auge und
Ohr nahm das Publikum sehr interessiert auf.
Am Samstagmorgen hatte die führende Direktorin der Akademie in den
idyllischen Barockgarten der Neißstraße 8 zum feierlichen Empfang geladen. Nach
einführenden Worten von Frau Engelke betonte der Görlitzer Kulturbürgermeister Ulf
Großmann die verbindende Funktion architektonischer Denkmäler mit musikalischen
Denkmalen für die Stadt Görlitz. Besonders mit dem Blick auf die Bewerbung zur
Kulturhauptstadt 2010 verwies er auf die brückenbauende Funktion von Musik. Anschließend
stellte Frau Engelke die Historie der Akademie für Alte Musik Oberlausitz, mit
kurzweiligen Anekdoten angereichert, dar. Dabei verwies sie auf die zahlreichen Helfer und
Sponsoren, ohne die eine solche Institution nicht aufrecht zu erhalten wäre. Ihr schloss
sich der Dittersbacher Pfarrer Bühler, ein Vorstandsmitglied der Akademie, an. Er war es
auch, um einen Ausspruch E.T.A. Hoffmanns zu paraphrasieren, der dem Wort wieder die Musik
voranstellte, indem er den Text Luthers Die beste Zeit im Jahr ist mein in
böhmischer Melodie anstimmte. Die geladenen Gäste kamen dieser Aufforderung zur
musikalischen Mitgestaltung sehr spontan nach. Abschließend hob die geschäftsführende
Direktorin mit den Wünschen auf eine weitere gute Zusammenarbeit mit den geladenen
Gästen das Glas Wein, welches samt Inhalt der Görlitzer Weinhändler Axel Krüger der
Akademie für diesen Anlass zur Verfügung stellte.
Am Samstagabend erklang dann in der Dreifaltigkeitskirche Barockmusik
aus Schlesien, Böhmen und Venedig. Auch wenn die akustischen Verhältnisse sich nicht mit
denen in der Georgenkapelle messen lassen, so erlebte das Publikum wiederum einen
musikalischen Hörgenuss. Der Komponist Pavel Vejvanowsky, welcher seiner Zeit ein sehr
anerkannter Trompetenvirtuose gewesen sein muss, stand mit einer kammermusikalischen
Ouverture am Beginn dieses Konzertes. Darauf folgten Concerti mit verschiedenen
Soloinstrumenten von Antonio Vivaldi. Besonders hier zeigte sich die Klasse der
Akademie-Musiker. Mit welcher Präzision sie einen homogenen Klang erzeugten, ohne jedoch
die musikalische Individualität zu vernachlässigen, veranlasste die Zuhörer geradewegs
zu Beifallsstürmen. Als Abschluss des Abends war sogar für die interessierten Gäste und
Konzertbesucher eine Wanderung mit dem Görlitzer Stadtwächter durch die historische
Altstadt organisiert worden.
Am Sonntagmorgen um 11 Uhr setzte sich die Reihe der Jubiläumskonzerte
im Goldenen Saal des Barockhauses Neißstraße 30 fort. Vielen musikinteressierten
Görlitzer Bürgern dürften Ort und Zeit mittlerweile seit etwa einem Jahr rot im
Kalender angestrichen sein. Denn einmal im Monat findet sonntags um 11 Uhr an genau jenem
Ort das Werkstattkonzert der Akademie für Alte Musik Oberlausitz statt. An
dieser Stelle sei nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Eintritt für diese
Art von Veranstaltung frei ist!
Der diesmal bis auf den letzten Sitz gefüllte Goldene Saal bot mit
seiner hervorragenden kammermusikalischen Akustik einen würdigen Ort, um die
verschiedenen Barockinstrumente, die sowohl von ehemaligen als auch von aktiven
Akademie-Studenten gespielt wurden, in den verschiedensten Zusammenstellungen zu erleben.
Das Publikum wurde Zeuge von Duetten, Trios, Quartetten und Kammerensembles, die nahezu
allesamt die Freude an Kammermusik, gepaart mit unglaublicher Brillanz, verkörperten. Ein
Student bekam an diesem Tag sogar von Frau Engelke sein Akademie-Zertifikat überreicht,
für welches er, wie jeder Absolvent, ein Konzert und eine wissenschaftliche Arbeit über
historische Aufführungspraxis absolvieren musste.
Den feierlichen Abschluss bildete das Konzert am Sonntagabend in der
Krypta der Peterskirche mit barocken Werken aus Mitteldeutschland. Auf dem Plan, der vor
jedem Konzert in Form eines Programm-Faltblattes vorbildlich über das Kommende
informierte, standen zwei Concerti grossi von Händel und zwei Konzerte von Telemann,
welcher u.a. polnische Elemente in sein kompositorisches Schaffen mit eingeflochten hat.
Hierbei zeigte sich wieder die hervorragende Orchesterarbeit des erfahrenen
Konzertmeisters Standage. Besonders deutlich zum Vorschein kam dies in den vielfältigen
Einsätzen dynamischer Varianten. Das Internationale Barockorchester Görlitz
verdeutlichte dem Zuhörer sehr differenziert die einzelnen Soli- und Tuttistellen und
spielte trotzdem wie aus einem Bogen. Musikalische Meisterklasse in Görlitz!
Abschließend kann man von einem sehr gelungenen Jubiläumswochenende
der Akademie für Alte Musik Oberlausitz sprechen. So bleibt nur zu hoffen, dass
die Akademie auch in den folgenden Jahren das Görlitzer Kulturleben mitprägen kann. Dazu
bedarf es aber nicht nur der Sponsoren, sondern v.a. der Görlitzer Bürger, die
vielleicht schon beim nächsten Werkstattkonzert entweder erneut oder erstmalig dem
Vorurteil, dass Alte Musik nur etwas für alte Menschen sei, entgegenwirken.
Ansprache für den Empfang zum 10-jährigen Jubiläum der Akademie
für Alte Musik Oberlausitz am 9. Juni 2002
von Pfarrer Bühler, Vorsitzender des Fördervereins der Akademie für Alte Musik
Oberlausitz.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde der Akademie für Alte Musik,
liebe Ulrike Engelke,
wir begehen das zehnjährige Jubiläum der Akademie für Alte Musik
Oberlausitz heute hier in Görlitz, wo die Arbeit der Akademie seit einem Jahr eine neue
Heimstatt gefunden hat; in den schönen Räumen der 1. Etage des Barockhauses Neißstraße
8.
Alte Musik ist nicht jedermanns Ding. Alte Musik ist sozusagen für Kenner und
Liebhaber. Von diesen gibt es zwei Gruppen. Die eine umfasst Menschen, die Alte Musik für
sich entdeckt haben, die sie gerne hören, die im Hören vielfältiger Klänge in ihrer
Seele angerührt sind und diese als beglückenden Reichtum erleben.
Aber freilich, es gäbe diese nicht, wenn es nicht die Kenner und Liebhaber der
höheren Art gäbe, die diese Musik als künstlerische Aufgabe begreifen und bejahen, sich
die oft teuren historischen Instrumente anschaffen und mit viel Fleiß, Ausdauer und
Talent zum Klingen bringen. Musik ist eben eine Kunst, die gelernt sein will, die viel und
beharrliches Üben erfordert und der Vermittlung durch kundige, geschickte und geduldige
Lehrer bedarf.
Die Akademie für Alte Musik ist der Ort, wo diese kreative, qualifizierende Arbeit
geleistet wird.
Frau Ulrike Engelke verantwortet nun seit zehn Jahren als Direktorin und künstlerische
Leiterin die Akademie für Alte Musik als private Initiative. Sie hat für diese Arbeit
international anerkannte Experten als Lehrkräfte an ihre Seite berufen können und immer
wieder begeisterte Schüler gefunden, die als ausgebildete Musiker hochmotiviert sich in
die Aufführungspraxis der Alten Musik einführen lassen.
Man kann an einem Tag wie diesem mit Fug und Recht die Frage stellen, wie Ulrike
Engelke dazu kommt, sich einer solchen hohen Aufgabe und Verantwortung zu stellen und
rastlos alle Kraft und Energie einzusetzen, die Akademie als Pflanzstätte für die
Erschließung und Vermittlung einer längst verklungenen Musikkultur zu entwickeln.
Ob diese Frage eine letzte und schlüssige Antwort finden kann, vermag ich nicht zu
sagen. Zweifellos ist sie eine außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit, die auf eine
abgeschlossene Ausbildung für Block- und Traversflöte, für Bratsche und Gesang
verweisen kann.
Musikausübung kann ja auch in den kleinen häuslichen Kreis führen, wo man sich
seines Könnens freut, wo man Gemeinschaft findet mit Gleichgesinnten einer höheren
Geselligkeit ergeben. Nicht so bei Ulrike Engelke. Für sie ist die Alte Musik wie eine
Sendung, von der sie durchdrungen ist, die sie anderen vermitteln möchte, erst in der
Weitergabe der Kunst erfüllt sich ihr Vermächtnis.
Dass es so ist und dass du so bist, liebe Ulrike Engelke, das ist des Dankes und der
Bewunderung wert und doch bist du wie du bist nicht von ungefähr.
Erinnern möchte ich heute an deinen Vater, Alfred Klose, der aus Oberschlesien
stammend, sich früh der Singebewegung anschloss, als junger Mann an Musikwochen mit Fritz
Jöde teilnahm, den großen Anregern der Haus- und Jugendmusik im Finkensteiner Bund,
Walther und Olga Hensel, Adolf Seifert und Gerhard Schwarz begegnete und diese
aufgenommenen Anregungen in einer überaus engagierten Weise mit Sing- und Musizierwochen
fortsetzte in Oberschlesien an vielen Orten und nach der Vertreibung als Lehrer in
Schöntal und Sindelfingen in Württemberg. Schon 1938 gab er bei dem inzwischen zum
musikalischen Weltverlag entwickelten Bärenreiterverlag ein später viele Male wieder
gedrucktes Spruchbüchlein "Lob der Musik" heraus. Aus dem möchte ich zwei
Lesefrüchte zum Besten geben.
Seite 50 "Die edle Musika"
Seite 33 "Die beste Zeit"
Alfred Klose war zuerst als Bibliothekar, dann als Lehrer und von 1941 - 45 als
Schulleiter in Kattowitz tätig. Er gründete in Kattowitz eine Jugendmusikschule, später
war er an der Gründung der Jugendmusikschulen in Baden- Württemberg maßgeblich
beteiligt. In Kattowitz arbeitete er als Lehrer und Musikerzieher auch wissenschaftlich.
Er hatte einige Broschüren herausgegeben, u.a. "Georg Philipp Telemann, seine
Beziehung zu Oberschlesien und seine Stellung zur polnischen Musik", sowie "
Deutsche Musiker und Musikgelehrte in Polen und ihr Einfluß auf das polnische
Musikleben", und ein Buch vorbereitet zu "Telemann und seinem
musikalischen Einfluß in Polen", das beim Bärenreiter Verlag gedruckt werden
sollte, dessen Manuskript jedoch in den Wirren der Flucht Anfang 45 verloren ging. -
Die Mutter, die drei kleine Kinder auf die Flucht bringen musste, konnte natürlich nicht
an dieses Buch denken - .
Mehr über ihn ist im Schlesischen Musiklexikon nachzulesen.
Wenn Ulrike Engelke mit ihrer Akademie für Alte Musik heute in Görlitz als der
östlichsten Stadt Deutschlands, in der Metropole von Restschlesien musikpädagogisch
wirksam wird im Brückenschlag zu jungen Talenten aus Polen, Tschechien und Ungarn, so ist
es, als erfüllte sie ein Vermächtnis ihres Vaters im Dienst der edlen Musika, die Herzen
aufzuschließen und zueinander zu führen vermag auch im Horizont der geografischen
Raumschaft aus der die Familie ihren Ausgang genommen und ihren Ursprung gehabt.
Abschließend möchte ich zwei Lesefrüchte zum Besten geben, die ich in dem Büchlein
gefunden habe, das Ulrikes Vater schon drei Jahre vor ihrer Geburt unter dem Titel
"Lob der Musik" im Bärenreiterverlag hat herausgeben können und das seither
viele Male wieder gedruckt wurde.
Die edle Musika ist nach Gottes Wort der höchste Schatz auf Erden. Sie regiert alle
Gedanken, Sinn, Herz und Mut. Willst du einen Betrübten fröhlich machen, einen Frechen,
wilden Menschen zähmen, dass er gelinde werde, einem zaghaftigen Mut machen, einen
hoffärtigen demütigen - was kann besser dazu dienen denn diese hohe, teure, werte und
edle Kunst?
Martin Luther
Singen ist das Fundament zur Musik in allen Dingen. Wer die Komposition ergreift, muss
in seinen Sätzen singen. Wer auf Instrumenten spricht muss des Singens kündig sein. Also
präge man das Singen jungen Leuten fleißig ein.
Georg Philipp Telemann
Ich möchte daran erinnern, dass die Alte Musik nicht nur wie ein überliefertes
Denkmal ist. Es gibt bis heute einen lebendigen Zugang zu dieser Musik durch das Singen
der christlichen Kirchen im Gottesdienst.
Und da sie gehört haben, wer und was ich bin, schlage ich vor, Sie sind jetzt so etwas
wie eine Gemeinde und wir singen miteinander ein Lied von Martin Luther, dessen Text auch
in diesem Büchlein "Lob der Musik" steht.
Frau Musika spricht:
Die beste Zeit im Jahr ist mein,
Die beste Zeit im Jahr ist mein,
da singen alle Vögelein,
Himmel und Erden sind der voll,
viel gut Gesang der lautet wohl.
Voran die liebe Nachtigall,
macht alles fröhlich überall,
mit ihrem lieblichen Gesang,
des muss sie haben immer Dank.
Vielmehr der liebe Herre Gott,
der sie also geschaffen hat,
zu sein die rechte Sängerin,
der Musika ein Meisterin.
Dem singt und springt sie Tag und Nacht,
seins Lobes sie nichts müde macht:
den ehrt und lobt auch mein Gesang
und sagt ihm einen ewgen Dank.
Martin Luther 1538
(Herr Großmann stimmte an. Alle sangen kräftig mit - Strophe 1-4)
Zum Schluß lese ich noch aus dem oben erwähnten Büchlein:
Die Musik ist die beste Gottesgabe. Durch sie werden viele und große Anfechtungen
verjagt. Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein
wenig zu singen vermag. Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger
und vernünftiger macht.
Martin Luther
Frieder Bühler, Pfarrer i. R. (33 Jahre als Pfarrer der Gemeinde in Dittersbach auf
dem Eigen tätig, seit drei Jahren Vorstand des Fördervereins der Akademie für Alte
Musik Oberlausitz und Organisator der Akademie - Konzerte in Dittersbach)
Ansprache von Direktorin Ulrike Engelke zum 10-jährigen Jubiläum der Akademie für
Alte Musik Oberlausitz am 8. Juni 2002
Sehr verehrte liebe Gäste, sehr geehrte Sponsoren, liebe
Kollegen, lieber Vorstand der AAMOL und des Förderkreises der AAMOL, liebe Freunde der
Alten Musik!
Ich freue mich sehr, Sie heute zum 10 jährigen Jubiläum der
Akademie für Alte Musik in der Neißstr. 8 begrüßen zu dürfen. Mein besonderer Gruß
gilt noch Herrn Großmann, dem Kulturbürgermeister von Görlitz, Herrn Waldau, dem
Kulturamtsleiter, den Stadträten Prof Voigt und Herrn Semmling. Ich freue mich,
dass Sie
gekommen sind.
Bevor ich über die 10 Jahre der Akademie berichte, möchte ich zuvor den
Kulturbürgermeister der Stadt Görlitz, Herrn Großmann zu Worte kommen lassen.
Nach meiner Ansprache werden noch Herr Pfarrer Bühler vom Förderverein, Herr Standage
als Kollege und drei Akademieabsolventen aus den jeweiligen Ländern sprechen.
Wer den Weg der Akademie mit verfolgt hat, weiß, daß in den ganzen zehn Jahren jedes
Jahr von neuem die bange Frage auftauchte, können wir die schon lange geplanten
Akademiephasen und Konzerte durchführen oder nicht, bekommen wir Fördergelder genehmigt,
wie viel, können wir Studenten aus den benachbarten Ländern einladen und aufnehmen oder
nicht?
Doch immer fand sich eine positive Lösung und es konnte weiter gehen.
Daher erfüllt es mich mit großer Freude und auch ein wenig Stolz, dass wir auf 10
Jahre zurückblicken können, in denen wir unser Programm - trotz manchmal
unüberwindlicher Schwierigkeiten dennoch unverändert durchführen konnten
mit kleinen Abstrichen in diesem und dem letzen Jahr, in denen die Interregförderung
verspätet einsetzte und wir daher nur reduzierte Akademiephasen doch mit jeweils einem
sehr schönen Konzertprogramm durchführen konnten.
Dass dies bis jetzt möglich war, ist zunächst unseren Förderern zu verdanken: In
erster Linie der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart, der ich ganz besonders Dank sagen
möchte für ihr Verständnis und die große Hilfe durch die Förderung von
Stipendienmittel. Dank auch der Kulturstiftung Sachsen, dem Kulturraum Oberlausitz, der
Konferenz Mitteldeutscher Barockmusik, und seit 98 der Euroregion mit der EU Förderung
durch Interreg.
Doch wäre die Mühe der Geldbeschaffung umsonst gewesen, wäre nicht die Bereitschaft
meiner Kollegen gewesen, die Ziele der Akademie über die Jahre hinweg mit zu verfolgen
und alle Schwierigkeiten mit zu tragen.
Besonderer Dank gilt meinem Kollegen Simon Standage, dem langjährigen
Konzertmeister von The English Concert unter Trevor Pinnok, dem Leiter von Collegium 90
und Professor an der Royal Academie of Music in London, der von 1992 bis heute
regelmäßig an allen Akademiephasen in Dresden, Marienthal oder Görlitz anwesend
war, den weiten Weg von London nach Dresden nicht gescheut hat und nicht ein einziges Mal
abgesagt hatte, der voller Engagement seine Violinklasse unterrichtete, ein sehr gefragter
und beliebter Lehrer ist und als solcher eine ganze Reihe hervorragender
BarockviolinistInnen ausbildete und nicht zuletzt als herausragender Leiter des
Barockorchesters diesem zu international erfolgreichen Konzerten im In- und Ausland
verhalf.
Dank aber auch allen anderen Kollegen wie den Dozenten für Barockcello und Gambe: Jaap
ter Linden aus Utrecht, Jonathan Manson aus London, Christine Kyprianides aus Speyer sowie
Thomas Fritzsch aus Leipzig, den Cembalisten wie Nicholas Parle aus London und unserem
langjährigen Kollegen, John Toll aus London. Er wurde schon bald sehr schwer krank,
unterrichtete jedoch bis 1998 mit viel Engagement an der Akademie und war ein äußerst
beliebter und begehrter Lehrer, zudem ein herausragender Cembalist. Er starb 2001 an einem
Krebsleiden in England. Für ihn als Vertretung unterrichteten Zvi Meniker, Silas
Standage und Frédérik Haas aus Brüssel.
Doch was war vor 10 Jahren und wie kam die Gründung zustande, was waren die Ziele?
Da viele Musiker, u.a. von der Staatskapelle Dresden und dem Philharmonischen Orchester
und auch einige Kollegen der Musikhochschule Carl Maria von Weber" in Dresden
sehr interessiert daran waren, etwas über historische Instrumental- und
Aufführungspraxis von herausragenden Künstlern zu erfahren, die sie vor der Wende nur
aus der Ferne verehren und bewundern konnten, wurde ich gebeten, eine Möglichkeit zu
schaffen, das zu realisieren. Instrumente waren dank der Robert Bosch Stiftung aus
Stuttgart, die mich sofort nach der Wende in meiner Arbeit im Osten unterstützte
da und so schlug ich vor, einen Verein Akademie für Alte Musik" zu gründen,
der es ermöglichte, auch ausländische Kollegen einzuladen. Am 23. Juni 1992 war es
soweit.
Mit 23 Gründungsmitgliedern wurde die Dresdner Akademie für Alte Musik gegründet.
Wie schon vorher erwähnt, war Simon Standage einer der ersten Lehrer der Akademie. Er
hatte zuvor mit viel Erfolg einen Barockviolinkurs in Bannewitz - unserer ersten
Geschäftsstelle - gegeben, an dem sehr viele Dresdner Musiker, doch auch Musikerinnen aus
Warschau teilnahmen. Ihr Ensemble - Il Tempo - meldete sich danach auch geschlossen an
unserer Akademie an. Als Lehrer für Cembalo kam dann bald John Toll, ein sehr guter
Cembalist und Monteverdi - Spezialist aus London dazu, für Cello und Viola da gamba
Jaap ter Linden aus Utrecht. Ich selber übernahm meine Flötenklasse, die ich vorher an
der Hochschule unterrichtet hatte, an die Akademie.
Zielgruppe unserer Akademie sind Musiker mit fertiger Musikausbildung, die sich noch in
Instrumental- und Aufführungspraxis weiterbilden wollen:
Unser Ziel war und ist es, Möglichkeiten zur konkreten künstlerischen Zusammenarbeit
von Menschen aus Ost und Westeuropa zu schaffen und speziell Musiker aus den Ländern
Osteuropas, die noch nicht Teil der EU sind, mit Musikern aus den EU-Staaten
zusammenzuführen. Ziel war und ist es außerdem, eine hochqualifizierte Weiterbildung auf
dem Gebiet der historischen Instrumental- und Aufführungspraxis mit international
anerkannten und bekannten Spezialisten auf diesem Gebiet anzubieten.
Was waren unsere Stationen?
Unsere ersten Unterrichtsräume waren im Japanischen Palais. Frau Dr. Öxle vom
Landesamt für Archäologie, - die wie ich damals noch vom Bodensee hin und her pendelte,
-lernte ich im Nachtzug kennen. Sie bot mir gleich die Räumlichkeiten des Japanischen
Palais an. Hier unterrichtete Simon Standage seine Geiger auch hin und wieder zwischen
alten Steinen und sonstigen Ausgrabungen, oder im etwas verstaubten Archiv. Die Flöten
probten in der Bibliothek, zwischen Ausstellungen, die Cellisten jedoch im Musikzimmer des
Bellevue nebenan. Konzerte fanden in der Mensa des Japanischen Palais statt.
Herr Dr. Barlmeier vom Kulturamt Dresden bot uns nach Fertigstellung des
Kulturrathauses auf der Königstr. 15 die Besprechungsräume und den Saal des Kulturamtes
für den Unterricht an. Konzerte konnten im Saal des Kulturrathauses stattfinden.
1994 fanden wir einen sehr großzügigen Sponsor. Herr Holzer, Besitzer der Firma
Typoart in der Fabrik der Großenhainer Str. bot uns kostenlos Büro und
Unterrichtsräume an, außerdem stellte er ebenso kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten
für alle Kollegen zur Verfügung. Leere Appartements durften die Studenten als
Schlafplatz benutzen. Konzerte fanden teilweise in der ehemaligen Mensa der Fabrik statt,
die wir etwas wohnlich gestalteten, teilweise im Kulturrathaus.
Die Firma unseres Sponsors machte 1998 Konkurs, doch noch vorher erhielten wir von der
Kulturstiftung Sachsen das Angebot, eine Kooperation mit der neu gegründeten EUROPERA
GmbH einzugehen, die ihren Sitz in Marienthal hatte. Bedingung war der Umzug nach
Marienthal, den wir im Herbst 1997 auch vollzogen. Die Europera GmbH mußte ihre Arbeit
schon Mitte 1998 wegen Geschäftsunfähigkeit einstellen und brachte uns in große
finanzielle Schwierigkeiten. In diesem Jahr war das Bangen noch größer als sonst , wie
es weitergehen sollte. Die Akademie mußte einen Kredit aufnehmen, der bis heute noch
nicht zurückgezahlt werden konnte.
Hier möchte ich auch erwähnen, daß wir durch den Konkurs der Firma Typoart unseren
wichtigsten und besten Mitarbeiter Herrn Hartmut Morgenstern erhielten. Ihm wurde
dort gekündigt und da er uns schon immer mit seinem Rat zur Seite stand, wenn es um
Fragen um den Computer ging, wußte ich, welch tüchtiger Mitarbeiter er bei der Firma
Typoart war. Ich fragte ihn, ob er nicht bei der Akademie mithelfen wolle. Er wollte
und von da an hatte die Akademie einen hervorragenden Computerfachmann,
Finanzfachmann, Buchhalter und ich einen sehr guten Berater. Leider ist er heute nicht da
er war die ersten drei Tage hier in Görlitz doch ich möchte mich bei ihm
ganz herzlich bedanken für seinen unermüdlichen Einsatz für die Akademie. Er hat mit
mir mitgelitten, wenn wieder - und das war sehr oft Schwierigkeiten mit den
Anträgen der Fördergelder, mit den Schwierigkeiten der EUROPERA-Zeit , mit Abrechnungen
usw. auftraten. Ohne ihn hätte die Akademie die 10 Jahre sicher nicht erreicht. Wir
hatten bis zum Jahr 2001 noch ein Büro in den deutschen Werkstätten in Hellerau, welches
sein Arbeitszimmer war. Nach Marienthal kam er immer zu den Akademiewochenenden. Herr
Morgenstern ist hauptberuflich - das war notwendig, da die Akademie kein sicherer
Arbeitsgeber war und ist - Dozent an der Berufsakademie in Dresden.
Dank der Vermittlung von Pfarrer Bühler aus Dittersbach begannen wir 1998 eine
Konzertreihe in der evangelisch lutherischen Kirche in Dittersbach, die nun auch
schon vier Jahre besteht . Herrn Pfarrer Bühler und seiner Frau möchte ich für den
großen Einsatz ganz herzlich danken. Sie bringen es fertig, daß die Konzerte jeden Monat
gut besucht sind und sorgen auch jedesmal für eine sehr persönliche Atmosphäre schon
vor den Konzerten. Eine monatliche Konzertreihe fand auch in Dresden noch statt.
Im letzten Jahr nun machte mich eine Lionsfreundin - Frau Pirko Meinking aus Görlitz
auf das Barockhaus Neißstr. 8 aufmerksam, deren Besitzerin sie ist. Ein ganzes Stockwerk
wurde frei und das bot sich hervorragend für die Anforderungen der Akademie an.
Nach Beratung mit dem Vorstand und auch vorheriger Erkundigung bei der Stadt, ob wir
überhaupt erwünscht sind, hatte ich mich innerhalb einer Woche für die Umsiedelung nach
Görlitz entschlossen. Wir haben es nicht bereut.
Hier fanden wir ideale Bedingungen vor. Das schöne Barockhaus liegt mitten in der
Altstadt und paßt zu dem, was wir machen, in idealer Weise.
Kurze Zeit später haben wir auch unseren Namen geändert. Da wir uns mit Görlitz und
der Oberlausitz sehr verbunden fühlen, nennen wir uns nun Akademie für Alte Musik
Oberlausitz.
Ich kann nur nochmals betonen wir sind sehr glücklich hier Görlitz ist
eine wunderbare Stadt und das Görlitzer Publikum hat uns mit einer Herzlichkeit
aufgenommen, die uns sehr glücklich macht.
Für die Jahre 2002 und 2003 haben wir nach langen Schwierigkeiten jetzt zunächst erst
einmal eine Grundförderung durch die Robert-Bosch-Stiftung und durch Interreg III sicher.
Speziell die Belastung der Akademie durch die Zinsen für die Kredite besteht auch
weiterhin und wir sind in hohem Maße auf zusätzliche Spenden angewiesen, um einerseits
die Kredite nach und nach abzuzahlen, andererseits aber auch Mittel für unbedingt
notwendige Instrumenten- und Technikanschaffungen verfügbar zu haben.
Für die Zukunft nach 2003 sind wir in ganz großem Maße auf die positive Einstellung
der Stadt Görlitz angewiesen. Ohne eine institutionelle Förderung durch die Stadt werden
wir unsere Arbeit sicher nicht fortsetzen können.
Dass sich diese Arbeit jedoch lohnt und auch insbesondere für die Stadt Görlitz eine
kulturelle Bereicherung darstellt, die auch nach außen getragen wird - sehen Sie am
Ergebnis der Konzerte dieser Festtage. Das Internationale Barockorchester Görlitz besteht
aus ehemaligen Absolventen und jetzigen Teilnehmern der Akademie. Durch die langjährige
gemeinsame Arbeit hat sich ein hohes Niveau herausgebildet.
Bevor ich zum Ende komme, möchte ich aber auch nicht versäumen, meinem Mann ganz
herzlich zu danken für den Mut, den er mir immer wieder zusprach, für sein Verständnis
und auch für seine Geduld. Oft genug hütet er das Haus in Altdorf allein war aber
nie direkt böse, manchmal vielleicht etwas traurig . Allerdings denkt er auch in Altdorf
an die Akademie, wenn er die Homepage der Akademie wieder auf den neusten Stand bringt.
Neuerdings ist er mit seiner Digitalkamera auch ein beliebter und begehrter Fotograf. Auch
meinem Sohn Wolfgang gilt mein ganz herzlicher Dank. Schon seit Marienthal kommt er
regelmäßig an den Akademie- Wochenenden und verschönert und verbessert die Akademie. Er
ist immer unermüdlich tätig. Die Schränke, Regale wären nicht aufgebaut ohne ihn, es
hingen keine Bilder - das schwere Cembalo muß regelmäßig transportiert werden: ins
Barockhaus und nach Dittersbach in die Kirche und wieder zurück.
Ohne meinen Mann und Wolfgang hätten wir auch den Umzug nicht geschafft. Sie waren
unermüdlich im Kisten - Herauftragen es waren nicht wenige und nachher beim
Verschönern, Planen usw. tätig.
Dank auch noch allen meinen Helfern vom Vorstand, den Freunden der Akademie, die mir
geholfen haben , dieses Fest zu planen und vorzubereiten. Diese Bereitschaft und Hilfe hat
mich recht glücklich gemacht. Besonderer Dank gilt Herrn Axel Krüger, der es möglich
machte, daß Sie alle mit einem exzellenten Glas Wein aus seiner Weinhandlung empfangen
wurden.
Ich möchte Ihnen nun viel Freude beim gemeinsamen Feiern wünschen, viel Freude auch
bei den Konzerten, die einen Einblick in die Ergebnisse der jahrelangen Arbeit der
Akademie geben sollen. Daher möchte ich mich besonders bei allen meinen jungen
Musikerkollegen bedanken, die dies ermöglichen.
Wir erheben unser Glas darauf, daß die Akademie noch viele weitere Jahre bestehen darf.
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