Sindelfinger Zeitung / Böblinger Zeitung zum
Konzert am 15.05.2011 in der Festhalle in Altdorf
„Historisch" ist mehr als nur Schlagwort
19.05.2011 Von unserem Mitarbeiter Christoph Martin Hauff
Der Erfolg hat in der Regel mehrere Mütter. Zum einen ist die konsequente
Arbeit der Jubilarin zu nennen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht.
Der Begriff „historisch informiert" wird von Ulrike Engelke ernst genommen, ist
mehr als Schlagwort. Das reicht vom Einsatz historischer oder zumindest
nachgebauter Musik-Instrumente über das richtige Notenmaterial bis zur
Auswertung historischer Quellen über das richtige Musizieren in der jeweiligen
Epoche.
Wer noch live gehört hat, wie beispielsweise Wilhelm Furtwängler als Solist
am Klavier und Dirigent eines übergroßen Streichorchesters das fünfte
Brandenburgische Konzert Johann Sebastian Bach exekutierte, kann den immensen
Unterschied ermessen. Was keine Abwertung des auf anderen Gebieten noch immer
vorbildlichen früheren Chefdirigenten manchen europäischen Spitzen-Orchesters
bedeuten soll.
Damit sind wir bei einer weiteren Erfolgsmutter: Gut gewollt alleine genügt
nicht. Es muss auch gut gekonnt sein. Dafür bürgt wieder in erster Linie die
Chefin Ulrike Engelke, die eine vorzügliche Instrumentalistin ist, und neben der
notwendigen Ur-Musikalität auch über das notwendige technische Rüstzeug verfügt.
Für die Streicher-Sektion in der Akademie hat Ulrike Engelke Simon Standage am
ersten Pult, der ein ebenso gewiegter Fachmann auf seinem Gebiet ist. Und zwar
ebenfalls in beiden Bereichen, dem theoretischen wie dem praktischen.
Dazu gehört dann schließlich noch ein glückliches Händchen bei der Auswahl
der Orchestermitglieder. Hier hat Ulrike Engelke inzwischen ein Netzwerk
geknüpft, das auf nicht selten jahrzehntelange Beziehungen zurück greifen kann.
Was dabei herauskommt, ist ein abwechslungsreiches, ebenso präzis wie
beschwingt musiziertes Programm. Wolfgang Amadeus Mozart ist gleich zweimal
vertreten, mit seiner entzückenden Serenade Nummer Sechs KV 239 für die nahezu
einmalige Besetzung von Streicher-Ensemble mit Soli und Tutti sowie zwei Pauken.
Eine wahrhaft entzückende Nachtmusik, die im Finale ein wahres Füllhorn
eingängiger Melodien aufweist. Später gibt es noch das Divertimento KV 136, dem
irgendein katalogwütiger Depp den Beinamen Salzburger Sinfonie angepappt hat.
Salzburg als Entstehungsort: ja. Aber Sinfonie: nein. Alles Sinfonische fehlt,
stattdessen drei Sätze schnell-langsam-schnell, die noch einmal den gutgelaunten
Mozart erklingen lassen.
Johann Peter Salomon (1745 bis 1815) gehört zu den auf der Konzertbühne eher
unbekannten Klein-Meistern. Er war Geiger, Komponist, Dirigent und
Musikimpresario. Seine Romanze für Violine und Orchester in D-Dur ist ein gut
geeigneter Einstieg für Simon Standage, der danach Joseph Haydns Violinkonzert
C-Dur, Hob. VIIa/I zum kostbaren Erlebnis werden lässt.
Hier sitzt jeder Strich, jeder Griff, jede Passage genau am richtigen Platz,
auch im begleitenden Orchester, das die ordnende Hand des Solisten überall zum
historisch richtigen Klingen bringt. In seine Konzert-Kadenz baut Simon Standage
mit einer Paraphrase über „Happy Birthday" einen Geburtstagsgruß für Ulrike
Engelke ein.
Aber auch die Querflöte kommt in dieser Matinée zu ihrem Recht. Zunächst in
einem Konzert für Flöte und Orchester D-Dur des Italieners Luigi Boccherini, der
seinen Lebensabend in Madrid verbrachte. Hier beweist Ulrike Engelke ihre
langjährige Vertrautheit mit diesem Instrument ebenso virtuos wie beseelt.
Gemeinsam mit ihrer ehemaligen Schülerin Verena Guthy-Homolka spielt Ulrike
Engelke zum guten Schluss die Sinfonia Concertante des Anton Stamitz. Der nicht
unheikle Zusammenklang zweier exponierter Melodieinstrumente wird ebenso
glänzend bewältigt wie ein kleiner Aussteiger in letzter Minute, der zu einer
fehlerlosen Wiederholung des Finalsatzes führt.
Die Böblinger Kreiszeitung zum
Konzert am 15.05.2011 in der Festhalle in Altdorf
Mit Schülern, Freunden, Weggefährten
Sonntagsmatinee der Akademie für Alte Musik in der Festhalle in Altdorf sehr
gut besucht
Von Jutta Rebmann
ALTDORF. Ulrike Engelke, die Leiterin der Akademie für Alte
Musik in Baden-Wüttemberg, hatte am Sonntag allen Grund zur Freude: Vor
Konzertbeginn war erst einmal Stühleholen angesagt. Denn groß war der Zustrom
der Gaste. So war das Konzert auch als Hommage an Engelke zu verstehen, die in
den vergangenen Jahrzehnten mit großem Einsatz das musikalische Leben in der
Region belebt hat .
Am Beginn des Konzertes stand mit 'der Serenade Nr. 6, der
Serenata Notturna, eine der schönsten und innigsten Nachtmusiken von Wolfgang
Amadeus Mozart. Stolz wies Ulrike Engelke darauf hin, dass jeder einzelne
Künstler des. Ensembles am Sonntag eine besondere Beziehung zu ihr und der
Akademie hat: Schüler oder bereits wieder Schaler von Schülern seien Dietrich
Schöller-Manno (Violine),'Jirina Strynclova (Violine) und Helena Matyasova
(Cello). Der Kontrabassist Ondrej- Stainochr sei der Akademie seit langem
verbünden, mit Christiane (Violine) und Helmut Engelke (Bratsche) saßen außerdem
Tochter und Ehemann auf der Bühne. Mit Simon Standage, den sie seit 1992 als mit
ihr musizierenden Freund und Kollegen schätze, war wieder der Konzertmeister der
Londoner „Academie of Ancient Music" als Primarius zu Gast. Als Paukerin beim
Eingangsstück fungierte seine Frau Jenny als Überraschung mit musikalischem
Einfühlungsvermögen. Standage brillierte als Solist bei der Romanze in D-Dur für
Violine und Orchester von Johann Peter Salomon.. Der Komponist war lange Jahre
Konzertmeister des Prinzen Heinrich von Preußen in Rheinsberg und zudem ein zu
seiner Zeit sehr bekannter Konzertunternehmer, der zum Beispiel Reisen Joseph
Haydns nach London angeregt und organisiert hatte. Salomons Verbundenheit mit
dem Werk Haydns strahlt auch die zärtliche Romanze aus, der Standage klanglichen
Glanz verlieh. Ebenfalls von Joseph Haydn beeinflusst ist Luigi Boccherini,
dessen Konzert für Flöte und Orchester D-Dur als nächstes auf dem Programm
stand. Nachdem Ulrike Engelke bisher als Bratschistin das Ensemble verstärkt
hatte, stand sie nun mit ihrem eigentlichen Instrument, der Flöte, als Solistin
auf der Bühne. Mit schönem Ton präsentierte sich die künstlerische Leiterin der
Akademie für Alte Musik ihrem Publikum. Mit der Salzburger Sinfonie Nr. 1 von
Wolfgang Amadeus Mozart verabschiedete sich das Ensemble in die Pause.
Solistin Verena Guthy-Homolka lässt das Publikum aufhorchen.
Als Konzertmeister und Solist von „The English Concert" hat
Simon Standage sämtliche Violinkonzerte von Mozart und Haydn auf CD aufgenommen.
Mit dem ungemein schön gespielten Violinkonzert C-Dur von Joseph Haydn zog er
das Matinee-Publikum in seinen Bann. Mit der. Sinfonia Concertante für zwei
Flöten . und Orchester in G-Dur von Anton Stamitz ging das Konzert in der
Altdorfer Festhalle für viele der Gäste zu schnell zu Ende. Mit silberhellem
Flötenklang ließ hier die Engelke-Schülerin Verena Guthy-Homolka aufhorchen. Die
ehemalige Schülerin des Albert-Einstein-Gymnasiums hat wie ihre Lehrerin bei
Karl-Friedrich Mess in Stuttgart und Aurele Nicolet in Freiburg studiert.
Heute spielt sie in renommierten Orchestern wie dem
Württembergischen Kammerorchester und dem Bachkollegium Stuttgart, dazu eine
gefragte Solistin. Vielseitig flexibel, hat sie in Rundfunk, Fernsehen und
CD-Produktionen mitgewirkt. Für den langen Applaus bedankten sich die
Musikerinnen und Musiker mit einer Zugabe.
Freitag, 24. Dezember, 2010 Kreiszeitung Böblingen zum Konzert
am 18.12.2010
Concerti grossi bei Kerzenschein
Weihnachtskonzert der Akademie für Alte Musik in der Festhalle in Altdorf
Altdorf (red) Kulturelles Leben im Kreis um eine Attraktion
reicher", lautete Ende April 2004 die Überschrift in der KREISZEITUNG als die
Akademie 2004 aus dem Osten Deutschlands nach Altdorf umgesiedelt war.
Tatsächlich sind die „Barockkonzerte in Altdorf" zu einem nicht mehr
wegzudenkenden kulturellen Bestandteil für den Böblinger Raum geworden.
Ein ganz besonderes Erlebnis war wieder das stimmungsvolle
Weihnachtskonzert am vierten Advent, das in der bis auf den letzten Platz
besetzten Festhalle in Altdorf zum zweiten Mal stattfand. Bei Kerzenschein
musizierten hochkarätige Musiker aus Ungarn, Speyer und Altdorf Concerti grossi
von Manfredini, Torelli, Vivaldi und Molter. Soli und Tutti wechseln dabei immer
ab. Alle diese Konzerte haben in der Satzfolge entweder eine Siciliana oder eine
Pastorale und sind als „Weihnachtskonzerte" komponiert. Sie heißen bei
Manfredini Sinfonia Pastorale per il Santissimo Natale, bei Molter Concerto
Pastorale, bei Torelli In forma di pastorale per il Santissimo Natale und bei
Vivaldi: Il riposo - per il Santissimo Natale. Die Konzerte wurden vom
Barockorchester, welches Ulrike Engelke einstudiert hatte, lebendig,
musikantisch und mit viel Innigkeit vorgetragen. Sehr reizvoll war das
Weihnachtskonzert von Vivaldi, bei der die Solovioline - virtuos gespielt von
Janos Pilz aus Budapest - und das Orchestert con sordino eine ganz besondere,
stimmungsvoll weihnachtliche Atmosphäre zauberten. Im Concerto grosso von
Torelli korrespondierten die drei Solisten Janos Pilz und Daniel Spektor
(Violine) und Agnes Czeh (Cello) recht eindrucksvoll und lebendig miteinander.
Im Concerto grosso von G.F. Händel waren als Soloinstrumente die
Sopranblockflöte, technisch versiert und tonlich sehr schön gespielt von Ulrike
Engelke, und die Violine mit János Pilz eingesetzt. Ulrike Engelke konnte ihr
virtuoses und ausdrucksstarkes Spiel auch bei dem Konzert für Altblockflöte und
Orchester von J. Ch. Schultze unter Beweis stellen. Sie wurde dabei einfühlsam
vom Barockorchester unterstützt.
Ein besonderer Höhepunkt war das Gloria von G. F. Händel für
Sopran, zwei Soloviolinen und Basso continuo. Die Altdorfer Sopranistin
Felicitas Erb beeindruckte mit virtuosen Koloraturen, einer ausgezeichnete
Intonation sowie einer klaren, modulationsfähigen Sopranstimme.
Es war ein sehr eindrucksvolles Konzert von hohem Niveau.
Viele Zuhörer begeisterten sich noch hinterher an der stimmungsvollen Atmosphäre
des Saales, den hervorragenden Darbietungen und über die Möglichkeit, so ein
Konzert in einer Gemeinde wie Altdorf hören zu können. Das nächste Konzert der
Akademie findet unter dem Thema „Musik in Frankreich" am 24. Februar 20.00 in
der Festhalle in Altdorf mit dem Kammerensemble und Simon Standage statt. Das
Barockorchester wird wieder am 15. Mai 11.00 Uhr mit „Serenaden und Konzerten
aus Vorklassik und Klassik" zu hören sein.
Böblinger Zeitung vom 22.12.2009 zum Konzert am 19.12.2009
Barockmusik mit Ausdrucksglut
Adventskonzert des Ensembles der Akademie für Alte Musik in der Festhalle
Altdorf
Von Jan Renz
ALTDORF. Der Name ist etwas sperrig, bürgt aber für hochklassige
Konzerte: Das Internationale Barockorchester der Akademie für Alte Musik in
Baden-Württemberg wurde 1993 gegründet und hat einige Tourneen durch europäische
Länder absolviert. Jetzt stimmte es mit einem Weihnachtskonzert auf die
bevorstehenden Festtage ein und rundete das Jahresprogramm der Akademie ab. Der
lange Abend begann und endete mit zwei dichten Concerti Grossi. Das Ensemble,
von Ulrike Engelke geleitet, war an allen Pulten gut besetzt (nicht nur Cello
und Kontrabass musizierten sehr genau), operierte mit warmem Klang und lieferte
feinnervige, quicklebendige Interpretationen. Trotz bitterer Kälte war die
Altdorfer Festhalle am Abend vor dem vierten Advent überfüllt. Das ist bei
anderen Konzerten der Akademie nicht immer der Fall.
Man hörte eine ganze Reihe namenloser Barockkomponisten, die alle
verblassten, als Bachs viertes Brandenburgisches Konzert erklang. Janos Pilz an
der Geige war ein ungeheuer belebender, energischer, reaktionsschneller Solist.
Ihm zur Seite standen als agile Blockflötisten Ulrike Engelke und Achim
Dannecker. Bei Bach überzeugte die Präsenz der Stimmen, die formale Komplexität
ist hoch, die spieltechnischen Anforderungen
sind enorm. Das wird vor allem deutlich, wenn man Bach mit anderem
Barockmeister vergleicht. Das tat das Barockorchester. Interessant sind auch die
Biografien der Musiker: Der Geiger Daniel Spektor wurde im ukrainischen Lemberg
geboren, emigrierte 1973 nach Israel, um schließlich nach Belgien überzusiedeln.
Dort war er Mitglied des belgischen Rundfunk-Sinfonie-Orchesters. 1977 nahm er
ein Studium der Barockvioline beim großen Sigiswald Kuijken auf. Nun war er, als
zweiter Geiger des Barockorchesters, zu Gast in Altdorf. Die Akademie für Alte
Musik hat in diesem kleinen Dorf ihren Sitz. Hier sind auch die Schwestern
Judith und Felicitas Erb aufgewachsen, aber nicht deshalb wurden sie zu diesem
Konzert eingeladen: In den letzten Jahren haben sich beide zu ernstzunehmenden
Liedinterpretinnen entwickelt. Sie besitzen reife, frische Stimmen, die sie klug
einsetzen. So leuchteten ihre dunklen Soprane in einer Weihnachtskantate von
Vincent Lübeck und einem „Laudamus te" von Vivaldi. Neben Vincent Lübeck kamen
auch Komponisten wie Manfredini, Heinichen oder Johann Christoph Pez zu Wort.
Die Akademie für Alte Musik will nicht nur das gängige Repertoire bieten,
sondern zeigen, dass die Barockzeit ein ungeheurer, weiter Kontinent ist. Ein
Musikerleben reicht nicht aus, um ihn zu erschöpfen. Das Concerto von Johann
Christoph Pez ist hörenswert, es enthält ganz unterschiedliche Stimmungen.
Zeitweise müssen alle Instrumente rasant musizieren. Bei einem Concerto von
Heinichen standen sogar vier Blockflötensolisten auf der Bühne. Die Kantate von
Lübeck „Willkommen, süßer Bräutigam" war nicht schlechte, aber schlichte Musik.
Der Stil der genannten Herren ist anspruchsvoll und gefällig, aber doch sehr
einförmig. Nichts davon bei Arcangelo Corelli: In seinem Concerto Grosso VIII,
auf das das Konzert zulief, regiert Ausdrucksglut, und so wurde es vom
Barockorchester auch umgesetzt. Es ging öfter, für alle Beteiligten, um die
Wette. Erst am Ende, wenn das knappe Werk leise ausklingt, weiß man, warum es
„Weihnachtskonzert" heißt: Pastorale, feierliche Töne werden angeschlagen. Man
muss unwillkürlich an Bachs „Weihnachtsoratorium" denken.

Ließen ihre dunklen Soprane leuchten: Felicitas Erb und Judith Erb-Calaminus
(v.l.) Foto: Musleh
Sindelfinger Zeitung / Böblinger Zeitung vom 24.12.2008 zum
Konzert am 20.12.2008
Drive für Barock aus Meisterhand
Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden
Zum Abschluss seiner ersten Auflage wartete der Klassikherbst mit einem neuen
Zuschauerrekord auf. Rund 160 Hörer wollten das in der Region aus zahlreichen
Auftritten bestens bekannte Orchester hören. Selten zuvor freilich war das in
den letzten Jahren in unterschiedlichen Besetzungen konzertierende Ensemble mit
soviel hochrangigen Musikern bestückt.
Neben Konzertmeister Simon Standage war auch Violinist Janos Pilz, Primarius
des renommierten Keller-Quartetts verpflichtet worden, das erste Cello spielte
Marek Stryncl, selbst Leiter des Prager Barockensembles Musica Florea. Und mit
Achim Dannecker (Bild: Stampe/A) an den Bockflöten sowie der Sopranistin Fanie
Antonelou boten sich bei insgesamt ein Dutzend Musikern so viele
Variationsmöglichkeiten, dass unterm Strich eines der vergnüglichsten weil
abwechslungsreichsten Konzerte, die das Orchester die vergangenen Jahre geboten
hatte, dabei heraus sprang.
Die Ansprüche des weihnachtlich gestimmten Gemüts deckte vor allem die
samtig-dunkel timbrierte Sopranistin ab mit Scarlattis Weihnachtskantate, die
trotz vieler Rezitative von arioser Melodik bestimmt ist, ebenso wie Bachs Arie
„Schafe können sicher weiden". Platt gesagt, geht’s um Friede, Freude,
Lämmerblöken und Hirtenidylle. Was auch rüber kommt, wenngleich die Akustik bei
nun so vielen Besuchern im Württembergsaal ins Gesangswidrige kippte. Es spricht
für Antonelous Stimmschmelz, dass sie dennoch Besuchers Ohren so zu streicheln
vermochte.
Geradezu Pflicht bei barocker Instrumentalweihnacht ist auch Manfredinis
Concerto grosso „Pastorale per il Santissimo Natale" mit seiner
Hirtenmusikimitation, pastos und farbenfroh vom Ensemble gespielt, dank der
stark an Rhythmik und Rhetorik orientierten, vibratofreien Interprationsweise
indes nie kitschverdächtig.
Darüber hinaus wurde glücklicherweise sehr viel gegeben, was nach
instrumentaler Brillanz verlangt. Beispielsweise ein Vivaldi-Piccolo-Konzert mit
einem akrobatischen Achim Dannecker und das Vivaldi-Konzert für zwei Violinen
und Cello (op. 3/11) bei dem sich Standage, Pilz und Stryncl einen
eindrucksvollen Wettstreit um die Saitenkrone lieferten. Auch wegen der
immensen, dennoch souverän beherrschten Tempi wurde wieder einmal bewiesen,
welchen Drive Barock präsentiert aus Meisterhand entfalten kann.

Böblinger Zeitung vom Montag vom 22. Dezember 2008 zum Konzert
am 20.12.2008
Barockorchester der Akademie für Alte Musik konzertierte in
der Kongresshalle
Das Wunder der Weihnacht in Töne gefasst
VON JUTTA REBMANN
Böblingen – Das letzte Konzert des erstmals in diesem Jahr vom Amt für Kultur
der Stadt Böblingen durchgeführten „Klassik-Herbstes" wurde vom Internationalen
Barockorchester der Akademie für Alte Musik in Baden-Württemberg" bestritten,
deren rührige Direktorin Ulrike Engelke seit Gründung
der Akademie musikalisch viel bewegt hat und die sich über die Jahre hinweg
einen ganz eigenen Ruf in der musikalischen Szene erobert hat. So ließ sich auch
an den Namen der Solisten und Ensemble-Mitglieder des „Per la Notte die Natale"
überschriebenen Konzertabends das feingeknüpfte musikalische Beziehungsgeflecht
ablesen, aus dem Ulrike Engelke schöpfen kann. Die meisten der Musikerinnen und
Musiker sind ihr und der Akademie über viele Jahre verbunden. So auch die
Geigerin Jirina Strynclova aus Prag, die aus gesundheitlichen Gründen leider
absagen musste und für die Isabell Farr einsprang.
Der Abend begann mit Georg Philipp Telemanns Konzert in e-moll für
Blockflöte, Traversflöte und Streicher, bei dem neben der Flötistin Ulrike
Engelke selber ihr einstiger Schüler Achim Dannecker auf der Blockflöte
brillierte. Dannecker ist Absolvent der Hochschule für Musik in Stuttgart und
seit 2001 Solist und Mitglied der Akademie für Alte Musik. Als künstlerischer
Leiter des Abends fungierte Simon Standage, seit 1983 Professor für
Barockvioline an der Royal Academy of Music in London. Seit 1993 ist der damals
noch in Görlitz beheimateten, heute in Altdorf ansässigen Akademie für Alte
Musik als Solist und Konzertmeister verbunden. Als zweites Werk erklang Tomaso
Albinonis Concerto f-Dur. Wunderbar gelang Alessandro Scarlattis „Cantate
pastorale für Sopran und Orchester". Fanie Antonelou, in Athen geborene und in
Stuttgart ausgebildete Sopranistin, gestaltete die Sopranpartie in diesem als
Konzert für den Heiligen Abend konzipierten Werk mit innigem Schmelz und schönem
Stimmklang. Besonders die stimmungsvolle Schlussarie beschwor die heitere
Stimmung der Heiligen Nacht herauf, festlich begleitet von den Streichern.
Mit Antonio Vivaldis Concerto in C-Dur für Piccolo-Flöte und Streicher gelang
Achim Dannecker als Solist eine atemberaubende Flötenpartie, zart untermalt von
den gedämpft spielenden Streichern, die Spannung im Publikum löste sich erst
leicht verzögert, nachdem der letzte Ton verklungen war, in einem vehementen
Beifallssturm.
Innig und fein gesungen erklang Johann Sebastian Bachs schöne Arie „Schafe
können sicher weiden, wenn ein guter Hirte wacht", flötenbegleitet sang sich
Fanie Antonelou in die Herzen des Publikums. Mit Francesco Manfredinis „Concerto
grosso" op. 3, Nr. 12, seinem Weihnachtskonzert, ging das Konzert des
Barockorchesters der Akademie für Alte Musik zu Ende. Ein Konzert, das durch
seine durchgängige spielerische Brillanz, durch eine feinabgestimmte
Ensembleleistung überzeugte. Eine besinnliche, feinnervige Einstimmung auf das
kommende Weihnachtsfest.

Böblinger Zeitung vom 7.9.2007 zum Konzert am 5.9.2007

Das Internationale Barockorchester der Akademie für Alte Musik
Baden-Württemberg
in der Holzgerlinger Stadthalle
Der Klang denkbar kultiviert, die Spiellaune groß
Von Jan Renz
Holzgerlingen – Das soll Vivaldi sein? Oft wurde ihm vorgeworfen,
musikalische Dutzendware zu liefern. Unter Hochdruck produzierte er ein Konzert
nach dem anderen. In der Holzgerlinger Stadthalle hörte man aber keine
Klischees, sondern frische und flotte Musik aus seiner Feder, keine Spur von
geläufiger Reihung simpler Versatzstücke.
Lebendig wurde die Musik durch ein engagiert aufspielendes Ensemble:
Glanzvoll musizierte das Internationale Barockorchester der Akademie für Alte
Musik Baden-Württemberg (AAMWü) unter der Leitung von Ulrike Engelke.
Am Anfang stand Vivaldi, aber der Mann des Abends war ein anderer: Georg
Philipp Telemann: Zwei seiner großen Suiten hatte das Orchester auf sein
Programm gesetzt. Diesem Ensemble zuzuhören, macht großen Spaß, denn der Klang
ist denkbar kultiviert, und die Spiellaune ist groß. Es stürmt zwar nicht, aber
es knistert immer. Man freut sich über diese „Fülle des Wohllauts".
Die Akademie für Alte Musik beschreitet Wege abseits ausgetretener Pfade,
entreißt namenlose Komponisten der Vergessenheit und lässt bekannte Tonsetzer in
neuem Licht erscheinen. Vivaldis Musik etwa klingt beseelter als man sie kennt.
Und John Stanleys Musik, nur dem Fachmann bekannt, ist höchst reizvoll. Auf
Vivaldi folgte ein Werk von ihm. Das Barockorchester schuf hier zerbrechliche
Vielstimmigkeit. Vivaldi erklang hell, Stanley dunkel.
Telemanns Musik ist einfallsreicher, er entwirft die unterschiedlichsten
Klangcharaktere. Die Musik ist oft gefällig, aber nie oberflächlich, sie kann
verspielt sein und dann ins Feierliche verfallen, sie hat eine eigene Würde. Das
übersprudelnde Barockorchester blieb Telemanns Stil nichts schuldig.
Die Blockflöten-Solistin Ulrike Engelke hatte es mit virtuoser Musik zu tun
und enttäuschte nicht. Belebende, vorwärtstreibende Kraft war der Geiger und
Konzertmeister aus Budapest: Janos Pilz. Er gehört dem bekannten, exzellenten
Keller-Quartett an, das man sonst in größeren Konzertsälen hört. Pilzens Ton war
nicht nur überaus schön, sondern auch rund und feurig, ganz vorne saß er auf der
Stuhlkante und warf sich förmlich ins Geschehen. Die übrigen Mitglieder des
Orchesters riss er mit. Bleibt zu hoffen, dass es ein Wiedersehen mit ihm geben
wird, dann vielleicht vor einem größeren Publikum.
Nach der Pause konnte man in Telemanns Klangwelten eintauchen. Seiner
Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt: Die Orchester-Suite in B-Dur ist ein
grotesker Maskenreigen: Harlekine und andere bizarre Figuren wirbeln über eine
imaginäre Bühne. Beim „Mezzetin de Turc" schwirrt die Musik aufgeregt – und
aufregend. Das Publikum war entzückt und erklatschte eine Zugabe.
Das internationale Barockorchester der Akademie für Alte Musik trat am
Freitag mit einem anderen Programm noch in der Böblinger Stadtkirche auf.

Sindelfinger Zeitung / Böblinger Zeitung zum Konzert am 5.9.2007 in der
Stadthalle Holzgerlingen
Virtuoser Primarius Pilz legt Feuer
08.09.2007 - Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden
Das Barockorchester von Ulrike Engelkes in Altdorf ansässiger
Akademie für Alte Musik spielte in kleiner aber feiner Besetzung Werke des 18.
Jahrhunderts von Vivaldi, Stanley und Telemann in der Holzgerlinger Stadthalle.
Wenn das Barockorchester der Akademie zum Konzert lädt, so
weiß niemand genau, was da kommen wird. Auch wenn der Name des Orchesters quasi
(Barock-) Programm ist. Denn das Ensemble präsentiert sich in stets
unterschiedlicher Besetzung mit freilich oft wiederkehrenden Gesichtern. Oftmals
aber kann Engelke dank ihrer glänzenden Kontakte nach Osteuropa herausragende
Musiker für ein Gastspiel gewinnen.
So auch diesmal. Das Streichquintett plus Cembalo und Ulrike
Engelke an der Blockflöte wurde angeführt von Primgeiger János Pilz, daselbst
Mitbegründer des internationales Renommee genießenden Keller-Quartetts. Zwar
stand Pilz nicht als eigener Frontalsolist auf dem Stadthallenpodium, aber
einige Werke, allen voran das Händel-Einflüsse verratende Concerto V John
Stanleys (1712 bis 1786) gaben ausreichend Gelegenheit, Pilz in exponierter
Position erleben zu dürfen.
Der erfreute dabei mit blitzender Virtuosität und dem "Oho"
gerade der vorklassischen Musik: der reichhaltigen, von Pilz detailliert und
scharf gezeichneten Ornamentik. Aber über seine instrumentalen Fähigkeiten
hinaus zeigte er sich vor allem als schwungvoller Primarius, der mit Elan und
energischem Einsatz einen Dirigenten tatsächlich überflüssig machte, die
Mitmusiker merklich musikantisch befeuerte aber auch so steuerte, dass stets
immer wieder kleine Schattierungen in Sachen Tempo, Dynamik und auch Klangfarbe
vom homogen aufspielenden Ensemble eingestreut werden konnten, ohne dass die
Geschlossenheit auf der Strecke blieb.
Gerade Stanley, aber auch eine B-Dur Orchestersuite mit
clownesken Miniaturportraits von Telemann sprühten so vor Vitalität, Esprit und
bei Bedarf auch von tänzerischem Geist, wobei Telemann mit dem Menuet I
bemerkenswert gegen den Tanzstrich komponiert hat.
Ulrike Engelke, die als Flötensolistin einen rationalen,
nüchternen Stil pflegt und nicht mit so manchem Paradiesvogel aus der
Blockflöterszene verwechselt werden kann, bewies bei Konzerten von Sammartini
und Vivaldi sowie einer Telemann'schen Flötensuite immer wieder gute technische
Fähigkeiten und darüber hinaus auch Mut zu lebhaften Tempi, die sie freilich für
Augenblicke auch mitunter an ihre Grenzen führten.

Böblinger Zeitung vom 17.9.2006 zum Konzert am 12.9.2006 in Altdorf
Konzert der Akademie für Alte Musik
Die Barockflöte zum Singen gebracht
VON JAN RENZ
Altdorf - Barockflöten können wie eine menschliche Stimme
klingen, bemerkte unlängst die unvergleichliche Sängerin Magdalena Kozemi. In
der Altdorfer Festhalle konnte man dies nun beispielhaft erleben: Ulrike Engelke
brachte ihre Barockflöten virtuos zum Singen. Das animierende Konzert mit dem
Internationalen Barockorchester der Akademie für Alte Musik in Württemberg (AAMWü)
hätte viel mehr Besucher verdient gehabt. .Auf höchst lebendige Weise wurde in
der schmucklosen Altdorfer Festhalle die Aktualität unverstaubter alter Werke
vorgeführt. Aber nur vierzig Musikfreunde hatten den Weg in den kahlen
Mehrzweck-Bau gefunden. Lag es am schönen Wetter oder dem Dienstag-Termin? Wie
auch immer, die Besucher wurden mit energischer Barockmusik reichlich versorgt,
und nicht erst am Ende wusste man: Dieses Ensemble ist wirklich gut.
Sechs attraktive Konzerte standen auf dem Programm, von
Boccherini bis Vivaldi, eine interessante Mischung bekannter und unbekannter
Komponisten. Wann hört man schon John Baston oder Francesco Mancini, der unter
anderem zwanzig Opern geschrieben hat?
Es war das dritte Konzert der AAMWü in diesem Jahr und mit
ziemlicher Sicherheit .das mitreißendste. Vor drei Monaten drehte sich alles um
Mozarts Flötenkonzerte. Damals überzeugte die gediegene Feinarbeit des
Ensembles, aber man hätte sich feurigeren Elan gewünscht. Der war bei diesem
Konzert gegeben. Wünsche blieben keine offen. Höchst eindringlich wurden die
sechs Konzerte dargeboten.
Die Musiker kannten keine Reserve, sondern gingen aufs
Ganze. Besonders engagiert: Istvan Soltèsz, der Geiger aus Ungarn. Herzhaft
wurde musiziert, prickelnd tönte das Cembalo. Der Einsatz war groß genug, dass
man kleine klangliche Ungeschliffenheiten in Kauf nahm. Seit acht Jahren
musizieren die Mitglieder des Internationalen Barockorchesters nun zusammen,
und das merkt man. Es ist nicht nur eine Freude, ihnen zuzuhören, sondern auch
eine, ihnen zuzusehen: Die Musiker halten Blickkontakt und lächeln einander zu.
Mit einem Konzert des namenlosen englischen
Blockflötenvirtuosen John Baston begann der ereignisreiche Abend. Hier
demonstrierte Ulrike Engelke, die Direktorin der Akademie, ihr Können. Ihr Spiel
war passioniert. Sie sang auf ihrer Flöte. Der
Höhepunkt des Abends war Telemanns Concerto C-Dur, höchst persönliche, sehr
erfüllte Musik, die mit einem warmherzigen Thema beginnt. Musik zum Genießen.
Hier kam der schöne Ton von Ulrike Engelkes Altblockflöte zum Tragen. Der
aufregendste Satz des Abends war wohl die Fuge in Mancinis Concerto g-moll, mit
dem der erfreuliche, erfrischende Abend ausklang. Auch hier wurde mit vollem
Sound musiziert. Schlank und elegant war Frau Engelkes Flötenton, der auch Ruhe
ausstrahlen konnte.
Humoristische Effekte enthält das Finale, das Publikum
reagierte hörbar amüsiert. Schiller hätte es vielleicht so gesagt: Klein war das
Publikum, groß der Applaus. Es gab Rosen für die Musiker, Blumen für die
Solistin.
Wer noch mehr Barockmusik hören will: Am heutigen Freitag
musiziert das Barockorchester der AAMWü um 20 Uhr in der Böblinger Stadtkirche.
In der Woche vom 5. bis 11. September
veranstaltete die Akademie für alte Musik in Württemberg zum ersten Mal eine
Orchesterakademie.
Die Teilnehmer – Berufsmusiker und zwei barock-interessierte
Laienmusiker – wurden von Anfang an ins renommierte internationale
Barockorchester (IBOW) integriert, dessen Mitglieder als Profi-Barockmusiker
vorwiegend in England, Ungarn, Tschechien und Polen tätig sind.
Unter der überaus kompetenten und mitreißenden Leitung von
Prof. Simon Standage aus London, langjähriger Konzertmeister im „English
Concert" und der „Academy of Ancient Music", wurden Werke von J. S. Bach, G.
Muffat, A. Vivaldi, G. P. Telemann u. a. einstudiert. Besonderen Eindruck machte
auf mich die Beschäftigung mit dem Concerto Grosso op. 6/12 von G. F. Händel und
die spätere Aufführung dessen. Simon Standage lockerte seine fundierten
Erläuterungen öfters mit (hintergründigem) Humor auf, so dass die Probenzeit wie
im Flug verging.
Über Stilfragen und Aufführungspraxis in der Barockzeit
referierte die Direktorin der Akademie, Prof. Ulrike Engelke.
Die Musikfortbildungswoche schloss mit drei beeindruckenden
Konzerten in Böblingen und Altdorf. Die Solisten waren Ulrike Engelke und Achim
Dannecker (Flöten), Simon Standage und Janos Pilz (Barockviolinen), Agnes Czéh
(Barockcello) und Chia-Hsuan Tsai (Cembalo).
Die nächste Akademie für Barockorchester wird voraussichtlich
im September 2006 in Altdorf bei Böblingen stattfinden.