Akademie für Alte Musik in Baden-Württemberg e.V.

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Die Böblinger Kreiszeitung schreibt am  5.3.2011 über das Konzert am 24.2.2011 in Altdorf

Barockes aus Frankreich

Konzert des Kammer-Ensembles der Akademie für Alte Musik

ALTDORF (red). Musik im Frankreich des 17. und 18, Jahrhunderts war das Thema des Konzertes in der Festhalle Altdorf. Das Kammer-Ensemble der Akademie für Alte Musik mit Ulrike Engelke (Traversflöte), Simon Standage, (Barockvioline), Helene Godefroy (Viola da gamba) und Friederike Chylek (Cembalo) versetzte das zahlreich erschienene Publikum in barocke Zeiten. Das Ensemble stellte Werke der Komponisten Francois Couperin, Jean-Henri d'Anglebert, Le Sieur de Lylachy, Michel Blavet und JeanMarie Leclair vor. Es waren Komponisten, die den damals typischen französischen Stil vertraten - einfach, elegant und kunstvoll verziert. Doch zu dieser Zeit drang bereits der neue italienische Stil nach Frankreich.

Das Ensemble begann mit einer Suite von Couperin, die in dem geistvollen und eleganten französischen Stil des Komponisten gehalten, doch auch italienisch inspiriert war. Die vielen kleinen Verzierungen hat Couperin genau festgelegt, Er war darin besonders gründlich, genauso in der Bezeichnung des Charakters einzelner Sätze. Später erklang ein weiteres Stück von Couperin, die Suite „La Piemontoise". Hier zeigte das Ensemble sein gutes Zusammenspiel. Es war ein Gespräch zwischen drei Instrumenten, da die Gambe eine eigenständige Stimme hatte.

Zwischen diesen beiden. Suiten hatten die Musiker ihre Instrumente solistisch. vorgestellt. Friederike Chylek zeigte mit einer Passacaille von Jean-Baptiste Lülly - einem klagenden Tanz, bearbeitet von Jean-Henri d'Anglebert - die klanglichen Möglichkeiten des Cembalos. Mehr vom italienischen Stil beeinflusst war die Sonate von Michel Blavet für Blockflöte und Generalbass. Ulrike Engelke zeigte ein lebendiges Spiel.

Mit einem Feuerwerk von Akkorden, Arpeggien und Akkordtrillern begann Simon Standage die Violinsonate D-Dur op. 9 Nr. 6 des Geigenvirtuosen und Komponisten Jean-Marie Leclair, der wohl auch der Erfinder dieser Geigentechniken war. Diese Sonate hatte sowohl französische als auch italienische Stilelemente: Standage zeigte einen ausdrucksstarken und: farbigen Ton in den langsamen Sätzen und seine virtuose Technik in den schnellen Sätzen.

In dem Prelude von Le Sieur de Machy, wohl einer,: der frühesten Komponisten für die Gambe, zeigte Helene Godefroy auf ihrem siebensaitigen Instrument den charakteristischen Klang tiefer Saiten und den oftmals elegischen Charakter des Diskants. Als Kontrast dazu spielten Engelke und Chylek „Le  Rossignol en amour" für Diskantflöte und Cembalo von Couperin. Die kleine Flöte, imitierte das Schlagen der Nachtigall, ihr Zirpen oder die klagenden Rufe trefflich.

Ein Höhepunkt war das Pariser Quartett Nr. 6 aus den „Nouveaux Quatuors en Six Suites"' von Georg Philipp Telemann. Der gebürtige Magdeburger schrieb die Quartette 1737 in französischem Stil aus Anlass einer Reise nach -Paris, wohin ihn dortige Musikerfreunde eingeladen hatten. Sie hätten großen Erfolg. Bei diesen Quartetten tritt jedes Instrument solistisch hervor. Besonders reizvoll ist der Part der Gambe, die mit Flöte und Violine in einen Dialog tritt.

Meisterkurs für Barockvioline mit Simon Standage

In den. Tagen nach dem Konzert fand in der Akademie ein Meisterkurs für Barockvioline mit Simon Standage statt. Thema war auch hier „Violinmusik in Frankreich", Die drei Tage waren prall gefüllt mit praktischen violintechnischen Anweisungen und Vorlesungen zu Verzierungskunst, Stil und Inegalität. Der Kurs fand in entspannter Atmosphäre statt. Die Teilnehmer kamen aus Korea, Taiwan, Belgrad,  München, Augsburg und dem Raum Böblingen. In einem internen Abschlusskonzert boten die Teilnehmer die erarbeiteten Stücke dar.

Die nächsten Konzerte der Akademie für Alte Musik sind am Samstag, 16. April, um 19 Uhr mit Kammermusik für Flöte und Cembalo mit Ulrike Engelke und Achim Dannecker an den Blockflöten sowie " Lydia Schimmer am Cembalo  (der Ort wird noch bekanntgegeben) und am Sonntag, 15. Mai, um 11:30 Uhr in der Festhalle in Altdorf. Das Barockorchester der Akademie spielt dann „Musik aus Vorklassik und Klassik".

 

SZ/BZ Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung,  7.4.2009

Haydns Leichtigkeit und Größe zieht an

Ensembles der Akademie für alte Musik in der Altdorfer Festhalle

von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Altdorf - Als Joseph Haydn 1790 zu seiner ersten Reise nach London aufbrechen wollte, war Mozart skeptisch: Der Altmeister habe keine Erziehung für die große Welt und rede zu wenig Sprachen. Haydn antwortete selbstbewusst: Meine Sprache versteht man in der ganzen Welt. Davon kann man sich im Haydn-Jahr 2009 überzeugen. In London entstanden zwölf große Sinfonien, zwei davon wurden nun in Altdorf aufgeführt. Sie waren leicht zu verstehen.

Seit der Renovierung verdient sie ihren Namen wirklich, die Altdorfer Festhalle. Das erste Konzert der Akademie für Alte Musik in Baden-Württemberg entsprach dem Ambiente durch Festlichkeit. Begangen wurde auch hier der 200. Todestag Joseph Haydns. Der Andrang war so groß, dass zusätzliche Stühle herangeschafft werden mussten. Viele Menschen interessierten sich für das Programm mit Haydn-Sinfonien am Sonntag zur Matinee-Zeit.

Sinfonien? Ein großes Sinfonieorchester suchte man vergebens. Gespielt wurden zwei Bearbeitungen: Der Geigenvirtuose Johann Peter Salomon hat den kompakten Orchestersatz auf Streichquartett und Flöte übertragen. So werden die Strukturen um vieles deutlicher und leichter fasslich.

Die Altdorfer Flötistin und Akademiedirektorin Ulrike Engelke hatte am Sonntagmorgen bewährte Mitstreiter um sich versammelt: Janos Pilz aus Budapest, Simon Standage aus London, Agnes Czéh aus Szeged und ihren Mann Helmut Engelke (der übrigens am gleichen Tag Geburtstag hat wie Joseph Haydn). Dieses Quintett bot zunächst die Sinfonie Nr. 94, die den Beinamen "mit dem Paukenschlag" trägt. Geradezu aufreizend naiv wirkt das Andante, und so wurde es auch gespielt. Musiziert wurde von Anfang an geistvoll. Die Homogenität des Klanges war beachtlich, ebenso der Einsatz der Musiker, ganz so perfekt wie beim Keller-Quartett (dem Janos Pilz angehört) ist das Zusammenspiel allerdings nicht. Aber man hört, dass alle Fünf profilierte Kammermusiker sind. Sie mieden grobe Vehemenz und warben für Haydns Leichtigkeit.

Nach der Pause hörte man die Sinfonie Nr. 102 ("Uhr"). Auf eine feierliche Einleitung folgt ein pfiffiges Presto, das präzise und lebhaft umgesetzt wurde. Offenbar wurden im Laufe dieser Matinée Haydns Größe und Grenzen. Er überrascht, indem er schlichte Musik plötzlich vertieft, souverän und ökonomisch mit Themen operiert. Der Abstand zum Sinfoniker Beethoven ist allerdings beträchtlich. Nicht alle Abschnitte sind auf der gleichen Höhe. Am konventionellsten sind die Mittelsätze. Manche weisen Längen auf, die nicht die himmlischen Schuberts sind. Meistens aber glänzt Haydn durch ansprechende Originalität.

Das Finale der "Uhr" war der spannendste Satz des Morgens, aufgeweckte Musik, die konturscharf interpretiert wurde. Hier fand das Kammerensemble zu aufregender Vielstimmigkeit, agierte filigran, wie es einem massiven Orchester nicht gelingen kann. Aus diesem Grund musiziert ja auch die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Beethovens Sinfonien als Kammerorchester. Zur Begeisterung des Hörers.

Die Verantwortlichen der Akademie für Alte Musik wollen das nächste Konzert wegen des großen Erfolgs wieder als Matinee-Konzert veranstalten, weshalb das für Sonntag, 17. Mai terminierte Konzert in der Festhalle bereits um 11.30 beginnt, und nicht wie ursprünglich angekündigt um 19 Uhr.

SZ/BZ Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung, 28. August 2008

Dannecker setzt Glanzlicht

von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Mit Früh-, Hoch- und Spätbarock präsentierte sich das Kammerensemble der in Altdorf ansässigen Akademie für Alte Musik in der spärlich besuchten Altdorfer Festhalle. Besonders wirkungsvoll in Szene zu setzen verstand sich dabei der Dagersheimer Blockflötist Achim Dannecker.

Mit der generellen Fokussierung auf Musik des 17. und 18. Jahrhunderts fällt es dem in unterschiedlicher Besetzung konzertie-renden Kammerensemble der von Ulrike Engelke geleiteten Akademie oft nicht leicht, spannungsreiche Konzerte über einen Abend zu gestalten, zumal wenn der Schwerpunkt auf Flötenwerken liegt. Nach eineinhalb Stunden lässt sich das Gefühl oft nicht abwehren, die Musik in der Besetzung sei nun wirklich ausgereizt.

Musikalische Höhepunkte

Das war diesmal anders. Was nicht daran lag, dass mit Helmut Engelke an der Violine die Flötenlastigkeit der Besetzung mit Ulrike Engelke und Achim Dannecker sowie dem Cembalisten Mihaly Zeke aufgelockert wurde.

Dass man diesmal beim Konzertende den Eindruck hatte, nun sei es eigentlich erst so richtig losgegangen, lag vielmehr daran, dass die zweite Konzerthälfte die musikalischen Höhepunkte brachte: Etwa ein Scarlatti-Concerto für zwei Blockflöten, Geige und Cembalo mit teils sehr vitalen Sätzen, etwa einer quirligen Fuge.

Expressiv und lebendig

Und der Soloauftritt von Achim Dannecker. Mit einer f-moll-Sonate für Blockflöte und Cembalo von Telemann durfte er zeigen, was er technisch und musikalisch drauf hat. So gab er sich expressiv mit lebendig gestalteten Linien und ariosen langen Tönen, holte aber auch das kompositorisch Querstehende wie Hemiolen und Synkopen durch Zuspitzung prägnant heraus.

Vor allem aber offenbarte er sich als Flöten-Wirbelwind, der auch bei explosiven Tempi nicht ins Schleudern gerät. Damit stahl er dem Rest des Ensembles doch deutlich die Show. Freilich, eine Offenbarung war auch der junge Mihaly Zeke: Längst nicht jeder versteht so viel tänzerischen Esprit aus dem oft mechanisch klingenden Cembalo zu holen.

SZ/BZ Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung, 29. Mai 2008

Überraschende Einsichten

Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

 

 

Ein Trio-Ensemble der in Altdorf ansässigen Akademie für Alte Musik in Baden-Württemberg mit Flötistin Ulrike Engelke, Violinist Simon Standage und Cembalistin Friederike Chylek spielte in der Altdorfer Festhalle Werke des Barock und bescherte dabei überraschende Einsichten.

Denn toll gemacht war diesmal die Programmwahl. Das Ensemble interpretierte in unterschiedlichen Besetzungen von Solo bis Trio Werke, die wie selten in einem Barock-Konzert Entwicklungen verdeutlichten. Statt dabei von allem ein wenig zu bieten, setzte das Kammerensemble auf den harten Kontrast. Einem Block mit ganz früher Barockmusik stand ein Block mit Spätbarockem gegenüber.

Frescobaldi einmal ausgenommen, muss man frühbarocke Tonsetzer wie Fontana, Uccellini, Castello oder Rossi wohl nicht unbedingt kennen. Dank der Altdorfer Akademie aber durfte man sie kennen lernen. Spannend dabei, dass zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine Umbruchszeit herrscht, die der Funktionsharmonik, dem Generalbass-Spiel und nicht zuletzt den Saitenins-trumenten zu Durchbruch, Anerkennung und kometenhaftem Aufstieg verhelfen, während zuvor die Vokalpolyphonie höchstes Ansehen genoss.

Was das Ensemble da Frühbarockes unter dem Namen Sonate präsentierte, entpuppte sich als begleitete Instrumentalstücke, die weder von der Form noch von der Interpretationsweise her näher an die später zur Wiener Klassik zur Hauptform gewordenen Sonate erinnerte. Weder besteht eine Aufteilung in Sätze, noch herrscht Klarheit über den Charakter. Vieles wirkt im Vortrag rezitativisch-frei, weil oft ein strenges Metrum fehlt. Die Kompositionstechnik verrät die imitatorische Herangehensweise des alten Kontrapunktes, die Stücke selbst erscheinen teils wie anarchische Tunichtgute mit unvermittelten Tempi-Wechseln und entschiedenen Beschleunigungen. Entsprechend variierte das Ensemble den Vortragsstil, von rhythmisch-prägnant und tänzerisch bis improvisatorisch-deklamierend.

Melodische Themen

Ganz anders dagegen die spätbarocken, nicht immer spannenderen Formen, wie ein Trio des etwas bedächtig anmutenden, offenbar stark an rhetorischen Kompositionsmodellen orientierten Johann Gottlieb Graun bewies. Neben klaren, den Wechsel zwischen langsamen und schnellen Teilen markierenden Satzbezeichnungen wird insbesondere bei Telemann Wert auf melodische Themen gelegt, dem Cembalo wachsen konzertante, die Begleiterrolle sprengende Aufgaben zu.

Und während 150 Jahre früher die bisweilen virtuose Flöte quasi die erste Geige spielt, muss das Blasinstrument nun vieles spielen, was typische, bis in die Romantik sich erhaltende Violinlinien sind. Ulrike Engelke leistete da sehr Beachtliches. Simon Standage bewies mit Telemanns Fantasien für Solovioline, welches Spielniveau das Instrument erreicht hatte: Akkorde und kontrapunktierende Mehrstimmigkeit, höchste Lagen. Also im Prinzip all das, woran sich noch heute jeder ambitionierte Violinist abarbeitet.

 

Kreiszeitung Böblinger Bote, 24. Mai  2008

Alte Musik in der renovierten Altdorfer Festhalle

Vulkanisches Geigenspiel

 von JAN RENZ

Altdorf - 150 Jahre Musikgeschichte umspannte am Mittwochabend das Barockkonzert im Altdorfer Festsaal, bei dem es international zuging: Zu Gast waren Friederike Chylek aus Basel und Simon Standage aus London. Zusammen mit Ulrike Engelke bildeten sie ein engagiertes Trio, das lustvoll auf alten Instrumenten musizierte. Die Experten für Alte Musik haben eine riesige Epoche für sich. Es war das erste Konzert der Akademie für Alte Musik in der renovierten Festhalle. Auch die Ausführenden auf der Bühne sind von der Akustik des modernisierten Gebäudes angetan.

Entdeckungen sind angesagt, wenn die Akademie für Alte Musik in Baden-Württemberg ein Konzert gibt. Fast immer werden bekannte Komponisten mit unbekannten Größen kombiniert. Bei letzteren sind die Lebensdaten oft ungewiss. Dieses Mal standen am Anfang Fontana, Castello, Uccellini oder Rossi. Am Ende, welche Steigerung, Graun und Telemann. Bei Castellos "Sonata terza" kam es zum ersten Mal zu einem belebenden Wettstreit der Solisten: Die elegante Ulrike Engelke (Blockflöte) und der feurige Simon Standage (Barockvioline) standen einander gegenüber. Eine Spur virtuoser war die darauf folgende Sonata von Uccellini, heftige Musik, bei der es zur Sache ging.

Die beiden Konzerthälften bildeten einen Kontrast: Die frühbarocke Musik des ersten Teils wirkte oft launig verspielt oder prickelnd anmutig. Nach der Pause strahlte die (spätbarocke) Musik Gewicht und Festlichkeit aus. Schon bei Grauns G-Dur-Trio, einer Entdeckung der Musikwissenschaft der letzten Jahre, begegnete man einem ausgesprochen feierlichen Ton und - frappierenden Pausen. Graun gehört der norddeutschen Schule an.

Die letzten drei Werke stammten von einem "Klassiker". Telemanns enorme stilistische Bandbreite wurde vorgeführt, der Barockmeister (1681-1767) berührt schließlich die Epoche der Empfindsamkeit. Seine musikalische Laufbahn begann 1701 in Leipzig. Der Jura-Student gründete damals ein eigenes Orchester. Schon zu Lebzeiten war er ein berühmter Mann. In seinen "Fantasien" für Violine solo war Simon Standage ein energischer Gestalter. Die ernste, gewichtige Musik verlangt vom Solisten viel. Die 50 Zuhörer erlebten konzentriert verdichtete Stimmengewebe und nachdrückliches, ja vulkanisches Spiel. Auch wenn Standage, Professor in London, allein auf der Bühne steht, kann er große Wirkung entfalten.

Entspannter gestaltete Ulrike Engelke Telemanns Sonate C-Dur. Die Cembalistin Friederike Chylek entlockte ihrem Instrument einen reichen, sinnlichen Klang. In Telemanns a-moll-Sonate für Blockflöte, Violine und basso continuo standen alle drei Musiker auf der Bühne. Ausdrucksvoll geriet das Largo. Am Ende des Werks wie des Konzerts stand ein heiter-rasantes Allegro. Telemann hat viele Gesichter.

SZ/BZ  Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung, 9. Februar 2008

Barocke Töne ganz aus Holz

 Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Das Kammerensemble der Altdorfer Akademie für Alte Musik in Baden Württemberg gab sich im Saal des Altdorfer Feuerwehrhauses ganz hölzern: Ohne klassische Continuo-Instrumente setzte das Trio mit Ulrike Engelke, Achim Dannecker und Stefanie Bartsch mit vielen französischen Barockwerken fast ausschließlich auf Flöten.

Damit blieb das Cembalo des Feuerwehrsaals ebenso unangetastet in der Ecke stehen wie Saiteninstrumente oder Streichinstrumente durch Abwesenheit glänzten. Freilich, der durch Besetzungsbeschränkung und auf Hoch- bis Spätbarock begrenzten Literaturauswahl drohenden musikalischen Einseitigkeit wohl bewusst, entschied sich das Ensemble für einige Besetzungsvariationen. So präsentierten sich das Trio vielfach als Duo, auch führten die Flötisten mal Alt-, mal Sopranblockflöten an den Lippen, Engelke auch gelegentlich die wärmer und farbiger klingende Traversflöte. Und die Stuttgarterin Bartsch griff einmal auch auf eine Barockoboe zurück, was sich glücklicherweise auf eine Sonate von Bodin de Boismortier beschränkte.

Denn zwar sorgte dieser Vorläufer der modernen Oboe für tänzerisch-prägnante Aufladung der Rhythmik, aber erhebliche intonatorische Abstimmungsprobleme mit den Flöten und ein vergleichsweise unkultiviert lauter, schwerfälliger Ton des Doppelrohrblattinstruments verhinderten ein harmonisch-rundes Gesamtbild.

Klare Hierarchie des Barock

Die französischen Kompositionen eines Boismortier, Hotteterre, de la Barre und d'Hervelois zeigten sich teils klar verwurzelt in der französischen Suitentradition, teils aber auch schon geprägt von der aus Italien kommenden Sonatenform. Unabhängig aber von der Großform experimentierten alle Stücke mit barocktypisch klarer Hierarchieunterscheidung von Begleit- und Melodiestimme einerseits und andererseits an Gleichberechtigung orientierten kontrapunktischen Techniken, angefangen von kleinen Imitationsformen bis hin zu veritablen Fugen.

Fast ein wenig überraschend stach dabei eine Suite d'Hervelois' hervor. Denn die war im Original für Gambe und Flöte konzipiert. Engelke mit Altflöte füllte den flötenuntypisch mit vielen Sprüngen gewürzten Gambenpart aber gut aus, während Dannecker seine Sopranblockflöte nicht nur voll expressivem Esprit und rhythmisch inspiriert blies, sondern auch eine Virtuosität entfaltete, die den übrigen Franzosen abging. Freilich, auch bei den übrigen Stücken überzeugte das Ensemble mit kontrastreich-detaillierten Interpretationen, ein veritabler Funkenflug aber wie bei d'Hervelois blieb aus.

Für auffälligere Farbtupfer sorgten dagegen nochmals Stücke deutscher Tonsetzer. Bei einem ariosen Dolce Telemanns für zwei Altblockflöten meinte man etwa schon spätere Mozart'sche Opernkunst herauszuhören. Und eine Sonate Matthesons für drei Altblockflöten wirkte mit ihrer vielfach entschiedeneren Funktionsauffächerung der Stimmen in vielen Momenten organischer und klarer als Boismortier in selber Besetzung.

Kreiszeitung Böblinger Bote, 5. November 2007

Kammerensemble für Alte Musik in Holzgerlingen

Traumhaft schöne Barockmusik

Holzgerlingen - Manche aus der Mode gekommene Wendung besitzt eine seltsame Schönheit, sei die Wendung nun sprachlicher oder musikalischer Natur. "Kostbar" fällt in diese Kategorie oder "sachte", auch "lieblich". Bei diesem Konzert mit Alter Musik kamen einem solche altmodischen Begriffe in den Sinn: Man hörte kostbare Quartette von Telemann, die lieblich klangen und sachte vorgetragen wurden.

VON JAN RENZ

Zum dritten Mal war das Kammerensemble der Akademie für Alte Musik in der Stadthalle Holzgerlingen zu Gast. "Wir spielen unglaublich gern hier", sagte die Akademiedirektorin Prof. Ulrike Engelke.

Zu Gast war auch Simon Standage aus London, der gerade einen mehrtägigen Violinkurs in Altdorf leitet (ausführlicher Bericht folgt). Konzerte mit ihm sind immer etwas Besonderes. Er trat bei Telemann in einen spannenden Dialog mit der Traversflöte Ulrike Engelkes. Und nach der Pause war er sogar Solist: Leclair interpretierte er mit gehaltvollem, gespanntem Ton. Diffizile Aufgaben löste er elegant. Sein Ton ist höchst intensiv. Man lauschte ihm gebannt.

Telemann hat mit zwölf Jahren seine erste Oper komponiert, das spricht für erstaunliche Frühreife, vieles brachte er sich allerdings selber bei. Etwa 1000 Instrumentalwerke hat er geschaffen, darunter auch das erste Streichquartett der Musikgeschichte. Das Internationale Kammerensemble bot natürlich keine Opernmusik. Aber bei einer traurigen Flötenmelodie stiegen doch Bilder in einem auf. Apropos Bilder: Auf der Glasfront der Stadthalle spiegelten sich die Musiker, die so famos aufspielten. Es gab nur wenige Wackler. Die Akademiedirektorin verfügt über ausgezeichnete Kontakte, sodass sie immer wieder interessante junge Musiker verpflichten kann. Viktor Töpelmann aus Köln besaß einen schönen, hellen Ton, seine Viola da gamba klang attraktiv. Bei Telemann tritt sein Instrument gleichberechtigt neben die Partner, ein Novum in der Musikgeschichte.

Am Cembalo saß Friederike Chylek aus Basel, die ziemlich gefordert war. Wenn es hoch herging, musste Ulrike Engelke all ihr Können aufbieten. Man hat bei Akademiekonzerten schon herzhaftere Barockmusik gehört. In der Stadthalle Holzgerlingen dominierte das Luftige und Filigrane. Auf dem Programm standen mehrere der "Pariser Quartette" Georg Philipp Telemanns, traumhaft schöne Musik aus dem Jahr 1737 (der Komponist wurde 1681 geboren). Das allererste Quartett wirkt vielleicht am mattesten. Bach klingt dagegen markanter und individueller. Einige Male denkt man an Vivaldi, hier wird mit Versatzstücken operiert. Aber dann gewinnt die Musik an Persönlichkeit. Das zweite Quartett ist schon satter im Klang, und bezaubernder in den Wendungen, es fällt einem nur das Wort "lieblich" ein. Feine Musik mit kurzgliedrigen Themen ist das; Wagners unendliche Melodien sind denkbar weit entfernt. Die Flöte stand übrigens gar nicht im Vordergrund. In zwei Stunden wurde vorgeführt, warum Barockmusik so faszinierend ist: Sie ist alt, aber nie veraltet, gefällig, aber selten oberflächlich. Zu keiner Zeit wirkte diese affektreiche Musik verstaubt.

Etwas über 50 Menschen interessierten sich für diesen Abend mit Alter Musik in der Stadthalle. Eine Prophezeiung kann man jetzt schon wagen: Irgendwann einmal werden bei Akademiekonzerten auch die großen Säle ausverkauft sein.

Sindelfinger Zeitung / Böblinger Zeitung, 5. November 2007

Quartett der Akademie für Alte Musik von Ulrike Engelke in der Stadthalle Holzgerlingen

Es gibt zwei Sieger im Wettstreit

Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Das Internationale Kammerensemble der Akademie für Alte Musik präsentierte in der Holzgerlinger Stadthalle vier von Telemanns Pariser Quartetten sowie eine Sonate Jean-Marie Leclairs. Wohl ist Telemann der in den letzten Jahren meistgespielte Komponist des Ensembles unter Leitung der Altdorfer Akademie-Chefin Ulrike Engelke, dieses Konzert bescherte dennoch neue Eindrücke.

Denn neben Ulrike Engelke an der Traversflöte und dem bewährten Simon Standage an der Barockvioline sowie der ausgezeichneten Cembalistin Friederike Chylek nahm erstmals Viktor Töpelmann Platz mit einer siebensaitigen Viola da Gamba Platz. Ein Streichinstrument mit Bünden, das mit seinen abfallenden Schultern von der Form am ehesten an einen kleinen Kontrabass erinnert, dessen Korpusgröße aber nicht einmal den eines modernen Cellos erreicht.

Laut Engelke waren Georg Philipp Telemanns Pariser Gambenparts in den Quartetten auf die damals größten Virtuosen zugeschnitten. Tatsächlich spielte Töpelmann in der Holzgerlinger Stadthalle keinesfalls nur eine Begleiterrolle, ja nicht einmal so etwas wie bloß die zweite Geige.

Telemann hat der Gambe in diesen Quartetten eine gleichwertige, zeitweise gar führende Rolle zugewiesen. Die an der Suitenform orientierten, vom Ensemble folgerichtig mit viel tänzerischem Esprit interpretierten Quartette brachten so nicht nur immer wieder Solopassagen des im Vergleich zum Cello mehr näselnden als singenden Instruments. Nein, in seinem fünften Quartett komponierte Telemann einen regelrechten Wettstreit zwischen Violine und Gambe, der freilich zwei Sieger hat.

Insgesamt aber verblüffte, wie Telemann unter Nutzung von oft volkstümlich anmutender Motivik und fröhlicher Mischung aus kontrapunktischen und Generalbasstechniken zu einer gleichgewichtigen Rolle von Flöte, Violine und Gambe kommt. Nur nebenbei sei erwähnt, dass Mozarts Cellobehandlung in seinen ersten Streichquartetten daneben reichlich unbeholfen wirkt.

Ende für Viola da Gamba

Deutlich wurde in der Holzgerlinger Stadthalle allerdings auch einer der wohl maßgeblichen Gründe, warum die Viola da Gamba sich zum Ende des 18. Jahrhunderts allmählich aber sicher aus dem Konzertleben verabschiedete und vom Cello verdrängt wurde: Selbst bei herzhaftem Zugriff entwickelt sich kaum ein wirklich tragender Ton. Um so größer das Verdienst des Ensembles, das trotz der auch im Ton sehr zarten Traversflöte in der großen Stadthalle noch kontrastreich rhetorische und figurative Strukturen herausarbeitete.

Mit Jean-Marie Leclairs (1697 bis 1764) Sonate für Violine und Generalbass stand an diesem Abend ausnahmsweise Violinist Standage im unbestrittenen Mittelpunkt. Dass selbst ein Meister wie Standage in mehrstimmigen Doppelgriffpassagen für Wimpernschläge nicht ganz ungefährdet operierte, zeigt nur, welch Ausnahmeviolinist Leclair im damaligen Frankreich gewesen sein muss.

Böblinger Zeitung , 6. August 2007

Akademie für Alte Musik in Holzgerlingen

Joseph Haydn überzeugte im Sommerloch

Von Jan Renz

Holzgerlingen - Die ersten drei Klaviersonaten widmete Ludwig van Beethoven seinem Lehrer Joseph Haydn. Das ist eine tiefe Verbeugung. Von Haydn hatte Beethoven gelernt, aus kleinen Motivzellen große Werke zu entwickeln. Haydn wurde häufig zum Beethoven- Vorbereiter verkleinert. Dabei hat er ein riesiges, eigenständiges, vielgestaltiges Werk vorgelegt: Unmengen von Klaviersonaten, Streichquartetten und Sinfonien stammen aus seiner Werkstatt.

In Holzgerlingen waren nun drei Kompositionen aus seiner Feder zu hören. Die Verantwortlichen der Akademie für Alte Musik in Baden-Württemberg sind mutige Leute: Sie legen ein Konzert in die Sommerferienzeit und vertrauen auf ihr Publikum. Wenn man den Zeitpunkt bedenkt, war die große Stadthalle gar nicht so schlecht besucht: etwa fünfzig Musikfreunde hatten sich eingefunden.

Das Interessante war nicht nur das Programm, sondern auch die Besetzung: Die Pianistin Anja Breuer und die Cellistin Ingrid Uhle leben in Breitenstein, die Flötistin Ulrike Engelke stammt aus Altdorf. Zum ersten Mal fand ein Konzert der Akademie in der Holzgerlinger Stadthalle statt. Diesmal kam kein zirpendes Cembalo, sondern ein ausgewachsener Flügel zum Einsatz. Breuers Klavierspiel perlte, war von betonter Behutsamkeit.

Das Konzert in der Stadthalle begann mit Haydns G- Dur Trio für Klavier, Flöte und Cello und endete mit dem in
D-Dur. Charles Rosen, der bekannte Musikologe, nennt sie „gefällige, aber nicht weiter interessante Werke". Dem kann man widersprechen, insofern die genannten Werke viel Haydn enthalten: Anmut und Witz gehen Hand in Hand. Haydn ist ein Mann der Überraschungen: Phrasen brechen ab, plötzliche Pausen treten ein, unerwartete Akkorde verblüffen den Hörer. Das erste Trio war sehr zurückhaltend interpretiert, mit Sorgfalt und Liebe zum Detail. Die Musik pulsierte sensibel. Sie kennt weder Beethovens massive Wucht, noch Mozarts leichte Düsternis.

Es folgte Hoffmeisters „Nouvelle Grande Sonate", nette, harmlos plaudernde Musik, die man schnell wieder vergisst, so denkt man zunächst. Aber dann, im zweiten Satz, werden die Klänge plötzlich persönlich, eine andere Welt tut sich auf. Die Musik ist von eleganter Traurigkeit und berührt den Hörer. Und im Finale erlebt man Dur-Moll-Wechsel wie bei Schubert (Hoffmeister starb 1812).

Nach der Pause erklangen Variationen über die deutsche Nationalhymne, ein überflüssiges Werkchen von zehn Minuten Dauer. Zum Glück sind es nur vier Variationen. Das Thema stammt von Haydn, die Bearbeitung von Theobald Böhm. Mit Beethovens Variationskunst kann sich dieser Zyklus nicht messen.

Alle drei Solistinnen waren im Schlusswerk gefordert, sie gingen hörbar aus sich heraus, es war ein lebendiger Haydn. Ulrike Engelke, die Akademie-Direktorin, musizierte ausdrucksvoll, auf Anja Breuer und Ingrid Uhle war stets Verlass. Manche Passage hätte man stürmischer gestalten können. Der Akademie für Alte Musik in Baden-Württemberg verdankt man schon einige interessante Konzerte.

Das nächste Konzert der Akademie findet bereits am 5. September statt.

Sindelfinger Zeitung vom 19.5.2007 zum Konzert am 16.5.2007 in Altdorf

Altdorf: Kammerensemble der Akademie für Alte Musik in der evangelischen Kirche

Johann-Sebastian Bach zum Kuckuck

Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Ausschließlich Werke von J. S. Bach und Georg Philipp Telemann hatte sich das in Trio-Stärke versammelte Kammerensemble der Akademie für Alte Musik Baden-Württemberg an seinem Stammsitz in Altdorf diesmal ausgewählt. Das auf historische Aufführungspraxis spezialisierte Ensemble bescherte dennoch Abwechslung.

Mit knapp hundert Besuchern zählte dieser Auftritt zu den besser besuchten Konzerten des sich die Jahre über stets in wechselnder Besetzung und in Altdorf an wechselnden Spielorten präsentierenden Ensembles. Akademie-Leiterin Ulrike Engelke an Travers- und Blockflöte, Simon Standage an der Barock-Violine und Friederike Chylek am Cembalo vereinte dieser Abend in der evangelischen Kirche im Tutti.

Höhepunkt der Gattung

Auf die Kompositionen bezogen bildete den Konzerthöhepunkt indes zweifelsohne die g-moll Sonate für Violine solo von Bach, dessen Suiten, Partiten und Sonaten für Violine und Cello solo ja wohl unbestritten den auch danach nie wieder erreichten Höhepunkt dieser Gattung markieren.

Dass die Meisterung dieser Jahrtausendwerke enorme Anforderungen an den Interpreten stellt, ließ sich auch bei Standages fast vibratofreier Darbietung der g-moll Sonate erleben: In der auch wegen ihrer Mehrstimmigkeit sehr diffizilen Fuge musste Standage beim einen oder anderen Ton etwas Klangqualität opfern.

Dafür setzte er konsequent und kohärent auf die Herausarbeitung der Polyphonie. Das rasante, lange Presto kam mit kaum merklichem Bogendruck luftig-kleinteilig, trotz Tempos artikuliert und dank des Barockinstruments vielfarbig schillernd daher.

Vom Gesamteindruck allerdings wirkte die Solosonate mit zwei langsam-bedächtigen Sätzen (Adagio und Siciliano) rational-kalkuliert in ihrer Machart, verglichen mit der Bach-G-Dur Triosonate (BWV 1039), die das Ensemble gemeinsam spielte: Tänzerischer Esprit beseelte das Allegro, Frühlingsgefühle vermittelte gar das abschließende, rhythmisch zugespitzte, im Tempo aber eher defensiv genommene Presto, in dem sich Traversflöte und Violine mit Imitationen wie ein balzendes Kuckuckspärchen gerierten.

Die eindrucksvollste Vorstellung lieferte U1rike Engelke allerdings mit der Telemann-8onate C-Dur für Blockflöte und Basso continuo: Solch Staccato- und damit Zungenartistik in mutigen Allegros lässt die Akademiechefin längst nicht bei allen ihren Konzerten hören.

Bemerkenswerte Triosonate

Überzeugend an der Blockflöte auch die expressive Gestaltung im Lyrischen in zahlreichen ruhigeren Sätzen des Abends, etwa den Affetuosos einer a-moll Telemann-Triosonate, aber auch im Cantabile der abschließenden, mit ihren einkomponierten Einbrüchen ganz bemerkenswerten Triosonate des in Hamburg gestorbenen Meisters.

Nicht nur mit Standage, sondern auch gerade mit der mit Feeling spielenden, mitdenkenden Cembalistin Friederike Chylek hatte Engelke diesmal im Übrigen zwei sehr wertvolle Mitmusiker engagiert.

Schwäbische Zeitung vom 22.5.2007 zum Konzert am 15.5.2007 in Sigmaringen

Gepflegte Konzertmusik kontrastiert mit Texten über trinkende Künstler

Von unserer Mitarbeiterin Vera Romeu

SIGMARINGEN - Aus zwei Ideen ist ein schönes Konzept entstanden: ein Konzert des internationalen Kammerensembles Baden-Württemberg, verbunden mit der Lektüre aus Archivalien über Musik am fürstlichen Hof in Hechingen. Dr. Volker Trugenberger, Leiter des Staatsarchivs Sigmaringen, begrüßte 80 Zuhörer im Spiegelsaal.

"Die Flötistin Ulrike Engelke besuchte im vergangenen Jahr die Ausstellung , Adel im Wandel'. Die Räume in Sigmaringen haben sie begeistert und sie bot uns ein Konzert an", begrüßte Trugenberger das weit angereiste Publikum. Die Besonderheit an diesem Abend war die im Konzertprogramm eingefügte Lesung aus Archivalien mit der Archivarin Sibylle Brühl als Auftakt der Reihe "Archivalienlesung im Staatsarchiv Sigmaringen".

Ulrike Engelke, Flötistin, gilt als international renommierte Spezialistin auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis. Simon Standage, Violine, ist Professor an der Royal Academy of Musik in London und gehört zu den bekanntesten Barocksolisten, der sich auf historische Interpretation des klassischen Repertoires spezialisiert hat. Friederike Chylek, Cembalistin, studierte an der Hochschule für Alte Musik in Basel. So stand die Veranstaltung unter dem guten Stern der historischen Interpretation.

Das Konzertprogramm begann mit der Sonate a-Moll von Georg Philipp Telemann. Im ersten Satz "Affetuoso" zeigte sich das weich-fließende Spiel der Flötistin Engelke. Ein höfisches Gespräch schien sich zwischen der Flöte und der Violine zu entfalten. Das Cembalo wob sich mit der eigenartigen Dynamik der gezupften Saiten wie eine feste Kette in die Farbigkeit eines kostbaren Klangteppichs. Eine feine Melancholie war im dritten Satz "Grave" zu spüren, die das anschließende "Menuett" aufhob. Standage beeindruckte bei Johann Sebastian Bachs Sonate g-Moll mit einem Violine-Solo. Das "Adagio" breitete sich in der Akustik des Spiegelsaals aus. Das Thema der "Fuge", kristallin vorgestellt, entfaltete ein schönes Volumen in den tieferen Lagen. Das Publikum folgte dem atemberaubenden "Presto" und dankte mit heftigem Applaus.

Zeitlose Schönheit nimmt Raum ein

Dann begann Sibylle Brühl zu lesen: Archivalien aus der Zeit des Renaissance Fürsten Graf Eitelfriedrich IV. von Hohenzollern-Hechingen zeugten von der Lebenslust der höfischen Musiker: Strenge Regeln musste der Graf erlassen, um Trinkgelage und Prügeleien unter den Künstlern zu zügeln. Spannend las Brühl aus den alten Texten und zeigte eine Seite des höfischen Musiklebens, die mit dem gepflegten Ton des Konzerts kontrastierte. Schließlich entfaltete sich die leichtere Stimmung des Dur mit der Triosonate G-Dur von Johann Sebastian Bach. Die zeitlose Schönheit aus einem anderen Jahrhundert nahm den Raum ein. Die Zärtlichkeit der Flöte schwebte im goldenen Raum, die Violine streich(el)te Antworten.

In der darauf folgenden Lesung erzählte Brühl von der Wertschätzung des Fürsten Konstantin für seinen Kapellmeister Thomas Täglichsbeck. Die Musik hatte einen hohen Stellenwert an seinem Hof und der Fürst baute die Hofkapelle zu einer qualitätsvollen Institution auf. Er zeigte sich auch als fundierter Musikkritiker. Im Bereich der Musik kam es am Sigmaringer Hof nie zu vergleichbaren Glanzzeiten wie in Hechingen. Doch Fürst Anton Aloys mochte die Oper und engagierte Künstler.

Die Sonate C-Dur für Blockflöte und Basso Continuo von Telemann zeigte das gepflegte und konzentrierte Spiel der jungen Cembalistin und die virtuose Professionalität der Flötistin. Das Konzert endete in der anfänglichen Melancholie des Molls mit der Triosonate a-Moll von Telemann. Wie ein Zurückschauen, wie ein Spiegeln, aber mit dem Glanz der Leichtigkeit des vorangegangenen Dur im Herzen.

Böblinger Zeitung vom 26.2. 2007 zum Konzert am 23.2.2007 in Altdorf

Konzert der Akademie für Alte Musik in Altdorf

Aufregende Vielfalt des Barock

von Jan Renz

Altdorf - In seiner meisterlichen Erzählung "Das Treffen in Telgte" möchte uns Günter Grass die Barockzeit näher bringen: Das gleiche Ziel verfolgt die Akademie für Alte Musik Baden- Württemberg, und zwar mit einigem Erfolg: Die Konzerte der Akademie. mit überwiegend unbekannter Barockmusik erfreuen sich immer größerer Beliebtheit: Der Saal des Altdorfer Feuerwehrhauses war am Freitag viel besser besucht als das Eröffnungskonzert im vergangenen Jahr.

Das Interesse an Barockmusik scheint in der Region groß zu sein. Gut besucht sind auch die Meisterkurse der Akademie.

Kammermusik für Blockflöte stand diesmal auf dem Programm, mit Komponisten, die nur Barock-Spezialisten ein Begriff sind. Wer kennt etwa Johann Christoph Schulze? Insofern waren die ausführlichen Erläuterungen der Flötistin und Akademie-Direktorin Ulrike Engelke hilfreich.

Das Programm führte nach Frankreich und Italien und endete in Deutschland. Dargeboten wurde, einmal mehr, die aufregende Vielfalt der Barockmusik.

Engelkes Schüler, der mit vielen Preisen bedachte Achim Dannecker aus Böblingen, 1972 geboren, brillierte mit seiner Blockflöte. Er und seine Lehrerin haben sich in der Region und darüber hinaus durch zahlreiche Konzerte einen Namen gemacht. Am Cembalo saß Toshiko Narita-Schmidt, sie studierte in Japan bei einer Schülerin des großen Artur Schnabel. Das Trio bestach durch sorgfältiges, gefälliges Musizieren und breitete die ganze Palette der Barockmusik aus: Tänzerisch oder marschmäßig, beschwingt oder beschwert wirkten die Werke. Heiterkeit überwog.

Mit ganz hellen Klängen begann der Abend: Zwei Werke Girolamo Frescobaldis gefielen. Der Italiener war laut Programm ·ein hervorragender Improvisator und gilt als Begründer eines neuen Orgelstils. Deutlich dunklere Klänge mobilisierte die Cembalistin bei Forquerays fünfter Suite und schuf differenzierte Charaktere. Forqueray war auch Gambist; wie viele seiner Kollegen beherrschte er mehrere Instrumente.

Auch der produktive Boismortier ist ein vergessener Komponist, zu Lebzeiten war er berühmt, da er den Zeitgeschmack traf. So kam er zu großem Reichtum. Sein "Ballet de Village en Trio" brachte Ulrike Engelke auf einen Nenner: „Viele Charaktere, aber ein Pulsschlag". Das galt für fast alle Werke des Abends. Wie bereichert man eine Melodie? Diese Frage stellte sich die Akademie-Direktorin bei einer Sonata von Francesco Barsanti. Sie präsentierte eine schmucklose Kantilene und demonstrierte dann, was der Komponist durch Verzierungsaufwand daraus macht.

Ein Höhepunkt des Konzerts war Telemanns d-moll-Sonate für Altblockflöte und Basso continuo, von Achim Dannecker geistvoll-virtuos und mit kernigem Ton geboten. Im Andante begegnete man merkwürdigen Dissonanzen. Eine. Triosonate von Quantz, des berühmten Flötenvirtuosen, bildete den festlichen Abschluss des reichhaltigen Konzerts. Viele Flötenwerke, aber keine Eintönigkeit: Lebendigkeit und Eleganz zeichneten das Zusammenspiel der Musiker aus. Das Publikum erklatschte eine Händel-Zugabe. Am 16. Mai findet das nächste Konzert der Akademie statt.

 

Böblinger Zeitung vom 3. 11. 2006 zum Konzert am 1.11.2006 in Altdorf

Akademie für Alte Musik in Württemberg: Simon Standage mit viel Elan

Ein befeuernder Geiger

Von Jan Renz

Altdorf - Es war der Abend des Simon Standage. Mit schillerndem Geigenspiel stellte er sich dem Altdorfer Publikum in der Festhalle vor und erhielt außerordentlich viel Applaus. Er führte höchst gekonnt und ebenso charmant die Möglichkeiten der Barockvioline vor. Manchmal versuchte er sogar, deutsch zu sprechen. Er versuchte es?

Standage ist Professor an der Londoner Royal Academy of Music und ein international renommierter Solist. Seit 1992 ist er Dozent für Barockvioline an der Akademie für Alte Musik Württemberg (AAMWü) und leitet deren Barockorchester. Sportiv, mit großen Schritten nimmt er die Stufen zur Bühne, etwas grimmig schaut er nach einem Auftritt drein. Aber man merkt schnell: an diesem Abend ist er bester Laune.

Ihm zur Seite standen beim Konzert Ulrike Engelke, Flöten, Chia-Hsuan Tsai, Cembalo, und Helmut Engelke, Barockvioline. Das "Stehen" ist wörtlich zu verstehen: die Musiker (die umsichtige Cembalistin ausgenommen) saßen nicht, sondern standen vor den Notenpulten. Der agile Geiger befeuerte seine Mitstreiter an dem kalten Herbstabend. Flöte und Streicher ergaben einen angenehmen, farbigen Gesamtklang.

Das Ambiente entspricht dem nicht: die Festhalle ist ein kahler Raum. Die Reizlosigikeit des Baus ist aber vielleicht ein besonderer Reiz. In dieser Kulisse finden schöne Konzerte statt. Überaus gelungen: die Programmgestaltung. Nichts Altbekanntes, sondern unverbrauchte Alte Musik. Sieben Barock-Komponisten und damit die Vielfalt der Alten Musik wurden präsentiert, und zwar auf muntere, witzige, lebendige Weise. Die Musiker waren hörbar in ihrem Element. Der Konzerttitel: "Biber und Zeitgenossen". Zu entdecken war: Barockkomponisten sind keine zart besaiteten Wesen. Sie produzieren mit energischem Ausdruck.

Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644-1704) war ein Violinvirtuose, was man seiner Musik anmerkt. In der "Sonata representativa" wird dem Solisten viel abverlangt und es werden Tierstimmen imitiert. Das Feierliche und das Komische werden gemischt. In dem Stück war das ganze Programm enthalten: Festliches stand neben Amüsantem. In Nichola Matteis "Fantasia" wird sogar die Stille mit einbezogen.

Vielstimmiges, Farbiges nach der Pause: Scarlatti, Biber, Telemann. Getragenen Schönklang produzierte Flötistin Ulrike Engelke. Im vorletzten Stück des Abends stand Simon Standage allein auf der Bühne: Bibers "Passacaglia" aus dem Jahr 1676 ist ein vielgesichtiges Werk und erfordert ein Höchstmaß an Konzentration. Der Geiger besaß sie. Die Bassstimme bleibt gleich, die Musik entwickelt sich: Mühelos füllte der Geiger die Festhalle mit seinem großen und zudem attraktiven Ton.

Die Werke des Abends bargen viele Überraschungen und unerwartet viel Ausdruckswillen. Bereichernd wie die AAMWü-Konzerte insgesamt für das hiesige Musikleben.