Die Böblinger Kreiszeitung schreibt am 5.3.2011 über
das Konzert am 24.2.2011 in Altdorf
Barockes aus Frankreich
Konzert des Kammer-Ensembles der Akademie für Alte Musik
ALTDORF (red). Musik im Frankreich des 17. und
18, Jahrhunderts war das Thema des Konzertes in der Festhalle Altdorf. Das
Kammer-Ensemble der Akademie für Alte Musik mit Ulrike Engelke (Traversflöte),
Simon Standage, (Barockvioline), Helene Godefroy (Viola da gamba) und Friederike
Chylek (Cembalo) versetzte das zahlreich erschienene Publikum in barocke Zeiten.
Das Ensemble stellte Werke der Komponisten Francois Couperin, Jean-Henri
d'Anglebert, Le Sieur de Lylachy, Michel Blavet und JeanMarie Leclair vor. Es
waren Komponisten, die den damals typischen französischen Stil vertraten -
einfach, elegant und kunstvoll verziert. Doch zu dieser Zeit drang bereits der
neue italienische Stil nach Frankreich.
Das Ensemble begann mit einer Suite von
Couperin, die in dem geistvollen und eleganten französischen Stil des
Komponisten gehalten, doch auch italienisch inspiriert war. Die vielen kleinen
Verzierungen hat Couperin genau festgelegt, Er war darin besonders gründlich,
genauso in der Bezeichnung des Charakters einzelner Sätze. Später erklang ein
weiteres Stück von Couperin, die Suite „La Piemontoise". Hier zeigte das
Ensemble sein gutes Zusammenspiel. Es war ein Gespräch zwischen drei
Instrumenten, da die Gambe eine eigenständige Stimme hatte.
Zwischen diesen beiden. Suiten hatten die
Musiker ihre Instrumente solistisch. vorgestellt. Friederike Chylek zeigte mit
einer Passacaille von Jean-Baptiste Lülly - einem klagenden Tanz, bearbeitet von
Jean-Henri d'Anglebert - die klanglichen Möglichkeiten des Cembalos. Mehr vom
italienischen Stil beeinflusst war die Sonate von Michel Blavet für Blockflöte
und Generalbass. Ulrike Engelke zeigte ein lebendiges Spiel.
Mit einem Feuerwerk von Akkorden, Arpeggien
und Akkordtrillern begann Simon Standage die Violinsonate D-Dur op. 9 Nr. 6 des
Geigenvirtuosen und Komponisten Jean-Marie Leclair, der wohl auch der Erfinder
dieser Geigentechniken war. Diese Sonate hatte sowohl französische als auch
italienische Stilelemente: Standage zeigte einen ausdrucksstarken und: farbigen
Ton in den langsamen Sätzen und seine virtuose Technik in den schnellen Sätzen.
In dem Prelude von Le Sieur de Machy, wohl
einer,: der frühesten Komponisten für die Gambe, zeigte Helene Godefroy auf
ihrem siebensaitigen Instrument den charakteristischen Klang tiefer Saiten und
den oftmals elegischen Charakter des Diskants. Als Kontrast dazu spielten
Engelke und Chylek „Le Rossignol en amour" für Diskantflöte und Cembalo
von Couperin. Die kleine Flöte, imitierte das Schlagen der Nachtigall, ihr
Zirpen oder die klagenden Rufe trefflich.
Ein Höhepunkt war das Pariser Quartett Nr. 6
aus den „Nouveaux Quatuors en Six Suites"' von Georg Philipp Telemann. Der
gebürtige Magdeburger schrieb die Quartette 1737 in französischem Stil aus
Anlass einer Reise nach -Paris, wohin ihn dortige Musikerfreunde eingeladen
hatten. Sie hätten großen Erfolg. Bei diesen Quartetten tritt jedes Instrument
solistisch hervor. Besonders reizvoll ist der Part der Gambe, die mit Flöte und
Violine in einen Dialog tritt.
Meisterkurs für Barockvioline mit Simon
Standage
In den. Tagen nach dem Konzert fand in der Akademie ein
Meisterkurs für Barockvioline mit Simon Standage statt. Thema war auch hier
„Violinmusik in Frankreich", Die drei Tage waren prall gefüllt mit praktischen
violintechnischen Anweisungen und Vorlesungen zu Verzierungskunst, Stil und
Inegalität. Der Kurs fand in entspannter Atmosphäre statt. Die Teilnehmer kamen
aus Korea, Taiwan, Belgrad, München, Augsburg und dem Raum Böblingen. In
einem internen Abschlusskonzert boten die Teilnehmer die erarbeiteten Stücke
dar.
Die nächsten Konzerte der Akademie für Alte
Musik sind am Samstag, 16. April, um 19 Uhr mit Kammermusik für Flöte und
Cembalo mit Ulrike Engelke und Achim Dannecker an den Blockflöten sowie " Lydia
Schimmer am Cembalo (der Ort wird noch bekanntgegeben) und am Sonntag, 15.
Mai, um 11:30 Uhr in der Festhalle in Altdorf. Das Barockorchester der Akademie
spielt dann „Musik aus Vorklassik und Klassik".
SZ/BZ Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung, 7.4.2009
Haydns
Leichtigkeit und Größe zieht an
Ensembles der Akademie für alte Musik in der Altdorfer Festhalle
von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden
Altdorf - Als Joseph Haydn 1790 zu seiner ersten Reise nach London
aufbrechen wollte, war Mozart skeptisch: Der Altmeister habe keine Erziehung für
die große Welt und rede zu wenig Sprachen. Haydn antwortete selbstbewusst: Meine
Sprache versteht man in der ganzen Welt. Davon kann man sich im Haydn-Jahr 2009
überzeugen. In London entstanden zwölf große Sinfonien, zwei davon wurden nun in
Altdorf aufgeführt. Sie waren leicht zu verstehen.
Seit der Renovierung verdient sie ihren Namen wirklich, die Altdorfer
Festhalle. Das erste Konzert der Akademie für Alte Musik in Baden-Württemberg
entsprach dem Ambiente durch Festlichkeit. Begangen wurde auch hier der 200.
Todestag Joseph Haydns. Der Andrang war so groß, dass zusätzliche Stühle
herangeschafft werden mussten. Viele Menschen interessierten sich für das
Programm mit Haydn-Sinfonien am Sonntag zur Matinee-Zeit.
Sinfonien? Ein großes Sinfonieorchester suchte man vergebens. Gespielt wurden
zwei Bearbeitungen: Der Geigenvirtuose Johann Peter Salomon hat den kompakten
Orchestersatz auf Streichquartett und Flöte übertragen. So werden die Strukturen
um vieles deutlicher und leichter fasslich.
Die Altdorfer Flötistin und Akademiedirektorin Ulrike Engelke hatte am
Sonntagmorgen bewährte Mitstreiter um sich versammelt: Janos Pilz aus Budapest,
Simon Standage aus London, Agnes Czéh aus Szeged und ihren Mann Helmut Engelke
(der übrigens am gleichen Tag Geburtstag hat wie Joseph Haydn). Dieses Quintett
bot zunächst die Sinfonie Nr. 94, die den Beinamen "mit dem Paukenschlag" trägt.
Geradezu aufreizend naiv wirkt das Andante, und so wurde es auch gespielt.
Musiziert wurde von Anfang an geistvoll. Die Homogenität des Klanges war
beachtlich, ebenso der Einsatz der Musiker, ganz so perfekt wie beim
Keller-Quartett (dem Janos Pilz angehört) ist das Zusammenspiel allerdings
nicht. Aber man hört, dass alle Fünf profilierte Kammermusiker sind. Sie mieden
grobe Vehemenz und warben für Haydns Leichtigkeit.
Nach der Pause hörte man die Sinfonie Nr. 102 ("Uhr"). Auf eine feierliche
Einleitung folgt ein pfiffiges Presto, das präzise und lebhaft umgesetzt wurde.
Offenbar wurden im Laufe dieser Matinée Haydns Größe und Grenzen. Er überrascht,
indem er schlichte Musik plötzlich vertieft, souverän und ökonomisch mit Themen
operiert. Der Abstand zum Sinfoniker Beethoven ist allerdings beträchtlich.
Nicht alle Abschnitte sind auf der gleichen Höhe. Am konventionellsten sind die
Mittelsätze. Manche weisen Längen auf, die nicht die himmlischen Schuberts sind.
Meistens aber glänzt Haydn durch ansprechende Originalität.
Das Finale der "Uhr" war der spannendste Satz des Morgens, aufgeweckte Musik,
die konturscharf interpretiert wurde. Hier fand das Kammerensemble zu
aufregender Vielstimmigkeit, agierte filigran, wie es einem massiven Orchester
nicht gelingen kann. Aus diesem Grund musiziert ja auch die Deutsche
Kammerphilharmonie Bremen Beethovens Sinfonien als Kammerorchester. Zur
Begeisterung des Hörers.
Die Verantwortlichen der Akademie für Alte Musik wollen das nächste Konzert
wegen des großen Erfolgs wieder als Matinee-Konzert veranstalten, weshalb das
für Sonntag, 17. Mai terminierte Konzert in der Festhalle bereits um 11.30
beginnt, und nicht wie ursprünglich angekündigt um 19 Uhr.

SZ/BZ Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung, 28. August 2008
Dannecker
setzt Glanzlicht
von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden
Mit Früh-, Hoch- und Spätbarock präsentierte sich das
Kammerensemble der in Altdorf ansässigen Akademie für Alte Musik in der spärlich
besuchten Altdorfer Festhalle. Besonders wirkungsvoll in Szene zu setzen
verstand sich dabei der Dagersheimer Blockflötist Achim Dannecker.
Mit der generellen Fokussierung auf Musik des 17. und 18.
Jahrhunderts fällt es dem in unterschiedlicher Besetzung konzertie-renden
Kammerensemble der von Ulrike Engelke geleiteten Akademie oft nicht leicht,
spannungsreiche Konzerte über einen Abend zu gestalten, zumal wenn der
Schwerpunkt auf Flötenwerken liegt. Nach eineinhalb Stunden lässt sich das
Gefühl oft nicht abwehren, die Musik in der Besetzung sei nun wirklich
ausgereizt.
Musikalische Höhepunkte
Das war diesmal anders. Was nicht daran lag, dass mit Helmut
Engelke an der Violine die Flötenlastigkeit der Besetzung mit Ulrike Engelke und
Achim Dannecker sowie dem Cembalisten Mihaly Zeke aufgelockert wurde.
Dass man diesmal beim Konzertende den Eindruck hatte, nun sei
es eigentlich erst so richtig losgegangen, lag vielmehr daran, dass die zweite
Konzerthälfte die musikalischen Höhepunkte brachte: Etwa ein Scarlatti-Concerto
für zwei Blockflöten, Geige und Cembalo mit teils sehr vitalen Sätzen, etwa
einer quirligen Fuge.
Expressiv und lebendig
Und der Soloauftritt von Achim Dannecker. Mit einer
f-moll-Sonate für Blockflöte und Cembalo von Telemann durfte er zeigen, was er
technisch und musikalisch drauf hat. So gab er sich expressiv mit lebendig
gestalteten Linien und ariosen langen Tönen, holte aber auch das kompositorisch
Querstehende wie Hemiolen und Synkopen durch Zuspitzung prägnant heraus.
Vor allem aber offenbarte er sich als Flöten-Wirbelwind, der
auch bei explosiven Tempi nicht ins Schleudern gerät. Damit stahl er dem Rest
des Ensembles doch deutlich die Show. Freilich, eine Offenbarung war auch der
junge Mihaly Zeke: Längst nicht jeder versteht so viel tänzerischen Esprit aus
dem oft mechanisch klingenden Cembalo zu holen.

SZ/BZ Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung, 29. Mai 2008
Überraschende Einsichten
Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Ein Trio-Ensemble
der in Altdorf ansässigen Akademie für Alte Musik in Baden-Württemberg mit
Flötistin Ulrike Engelke, Violinist Simon Standage und Cembalistin Friederike
Chylek spielte in der Altdorfer Festhalle Werke des Barock und bescherte dabei
überraschende Einsichten.
Denn toll gemacht war diesmal die Programmwahl. Das Ensemble
interpretierte in unterschiedlichen Besetzungen von Solo bis Trio Werke, die wie
selten in einem Barock-Konzert Entwicklungen verdeutlichten. Statt dabei von
allem ein wenig zu bieten, setzte das Kammerensemble auf den harten Kontrast.
Einem Block mit ganz früher Barockmusik stand ein Block mit Spätbarockem
gegenüber.
Frescobaldi einmal ausgenommen, muss man frühbarocke
Tonsetzer wie Fontana, Uccellini, Castello oder Rossi wohl nicht unbedingt
kennen. Dank der Altdorfer Akademie aber durfte man sie kennen lernen. Spannend
dabei, dass zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine Umbruchszeit herrscht, die der
Funktionsharmonik, dem Generalbass-Spiel und nicht zuletzt den
Saitenins-trumenten zu Durchbruch, Anerkennung und kometenhaftem Aufstieg
verhelfen, während zuvor die Vokalpolyphonie höchstes Ansehen genoss.
Was das Ensemble da Frühbarockes unter dem Namen Sonate
präsentierte, entpuppte sich als begleitete Instrumentalstücke, die weder von
der Form noch von der Interpretationsweise her näher an die später zur Wiener
Klassik zur Hauptform gewordenen Sonate erinnerte. Weder besteht eine Aufteilung
in Sätze, noch herrscht Klarheit über den Charakter. Vieles wirkt im Vortrag
rezitativisch-frei, weil oft ein strenges Metrum fehlt. Die Kompositionstechnik
verrät die imitatorische Herangehensweise des alten Kontrapunktes, die Stücke
selbst erscheinen teils wie anarchische Tunichtgute mit unvermittelten
Tempi-Wechseln und entschiedenen Beschleunigungen. Entsprechend variierte das
Ensemble den Vortragsstil, von rhythmisch-prägnant und tänzerisch bis
improvisatorisch-deklamierend.
Melodische Themen
Ganz anders dagegen die spätbarocken, nicht immer
spannenderen Formen, wie ein Trio des etwas bedächtig anmutenden, offenbar stark
an rhetorischen Kompositionsmodellen orientierten Johann Gottlieb Graun bewies.
Neben klaren, den Wechsel zwischen langsamen und schnellen Teilen markierenden
Satzbezeichnungen wird insbesondere bei Telemann Wert auf melodische Themen
gelegt, dem Cembalo wachsen konzertante, die Begleiterrolle sprengende Aufgaben
zu.
Und während 150 Jahre früher die bisweilen virtuose Flöte
quasi die erste Geige spielt, muss das Blasinstrument nun vieles spielen, was
typische, bis in die Romantik sich erhaltende Violinlinien sind. Ulrike Engelke
leistete da sehr Beachtliches. Simon Standage bewies mit Telemanns Fantasien für
Solovioline, welches Spielniveau das Instrument erreicht hatte: Akkorde und
kontrapunktierende Mehrstimmigkeit, höchste Lagen. Also im Prinzip all das,
woran sich noch heute jeder ambitionierte Violinist abarbeitet.

Kreiszeitung Böblinger Bote, 24. Mai 2008
Alte Musik in der renovierten Altdorfer Festhalle
Vulkanisches
Geigenspiel
von JAN RENZ
Altdorf - 150 Jahre Musikgeschichte umspannte am
Mittwochabend das Barockkonzert im Altdorfer Festsaal, bei dem es international
zuging: Zu Gast waren Friederike Chylek aus Basel und Simon Standage aus London.
Zusammen mit Ulrike Engelke bildeten sie ein engagiertes Trio, das lustvoll auf
alten Instrumenten musizierte. Die Experten für Alte Musik haben eine riesige
Epoche für sich. Es war das erste Konzert der Akademie für Alte Musik in der
renovierten Festhalle. Auch die Ausführenden auf der Bühne sind von der Akustik
des modernisierten Gebäudes angetan.
Entdeckungen sind angesagt, wenn die Akademie für Alte Musik
in Baden-Württemberg ein Konzert gibt. Fast immer werden bekannte Komponisten
mit unbekannten Größen kombiniert. Bei letzteren sind die Lebensdaten oft
ungewiss. Dieses Mal standen am Anfang Fontana, Castello, Uccellini oder Rossi.
Am Ende, welche Steigerung, Graun und Telemann. Bei Castellos "Sonata terza" kam
es zum ersten Mal zu einem belebenden Wettstreit der Solisten: Die elegante
Ulrike Engelke (Blockflöte) und der feurige Simon Standage (Barockvioline)
standen einander gegenüber. Eine Spur virtuoser war die darauf folgende Sonata
von Uccellini, heftige Musik, bei der es zur Sache ging.
Die beiden Konzerthälften bildeten einen Kontrast: Die
frühbarocke Musik des ersten Teils wirkte oft launig verspielt oder prickelnd
anmutig. Nach der Pause strahlte die (spätbarocke) Musik Gewicht und
Festlichkeit aus. Schon bei Grauns G-Dur-Trio, einer Entdeckung der
Musikwissenschaft der letzten Jahre, begegnete man einem ausgesprochen
feierlichen Ton und - frappierenden Pausen. Graun gehört der norddeutschen
Schule an.
Die letzten drei Werke stammten von einem "Klassiker".
Telemanns enorme stilistische Bandbreite wurde vorgeführt, der Barockmeister
(1681-1767) berührt schließlich die Epoche der Empfindsamkeit. Seine
musikalische Laufbahn begann 1701 in Leipzig. Der Jura-Student gründete damals
ein eigenes Orchester. Schon zu Lebzeiten war er ein berühmter Mann. In seinen
"Fantasien" für Violine solo war Simon Standage ein energischer Gestalter. Die
ernste, gewichtige Musik verlangt vom Solisten viel. Die 50 Zuhörer erlebten
konzentriert verdichtete Stimmengewebe und nachdrückliches, ja vulkanisches
Spiel. Auch wenn Standage, Professor in London, allein auf der Bühne steht, kann
er große Wirkung entfalten.
Entspannter gestaltete Ulrike Engelke Telemanns Sonate C-Dur.
Die Cembalistin Friederike Chylek entlockte ihrem Instrument einen reichen,
sinnlichen Klang. In Telemanns a-moll-Sonate für Blockflöte, Violine und basso
continuo standen alle drei Musiker auf der Bühne. Ausdrucksvoll geriet das
Largo. Am Ende des Werks wie des Konzerts stand ein heiter-rasantes Allegro.
Telemann hat viele Gesichter.

SZ/BZ Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung, 9.
Februar 2008
Barocke
Töne ganz aus Holz
Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden
Das Kammerensemble der Altdorfer Akademie für Alte Musik in
Baden Württemberg gab sich im Saal des Altdorfer Feuerwehrhauses ganz hölzern:
Ohne klassische Continuo-Instrumente setzte das Trio mit Ulrike Engelke, Achim
Dannecker und Stefanie Bartsch mit vielen französischen Barockwerken fast
ausschließlich auf Flöten.
Damit blieb das Cembalo des Feuerwehrsaals ebenso
unangetastet in der Ecke stehen wie Saiteninstrumente oder Streichinstrumente
durch Abwesenheit glänzten. Freilich, der durch Besetzungsbeschränkung und auf
Hoch- bis Spätbarock begrenzten Literaturauswahl drohenden musikalischen
Einseitigkeit wohl bewusst, entschied sich das Ensemble für einige
Besetzungsvariationen. So präsentierten sich das Trio vielfach als Duo, auch
führten die Flötisten mal Alt-, mal Sopranblockflöten an den Lippen, Engelke
auch gelegentlich die wärmer und farbiger klingende Traversflöte. Und die
Stuttgarterin Bartsch griff einmal auch auf eine Barockoboe zurück, was sich
glücklicherweise auf eine Sonate von Bodin de Boismortier beschränkte.
Denn zwar sorgte dieser Vorläufer der modernen Oboe für
tänzerisch-prägnante Aufladung der Rhythmik, aber erhebliche intonatorische
Abstimmungsprobleme mit den Flöten und ein vergleichsweise unkultiviert lauter,
schwerfälliger Ton des Doppelrohrblattinstruments verhinderten ein
harmonisch-rundes Gesamtbild.
Klare Hierarchie des Barock
Die französischen Kompositionen eines Boismortier, Hotteterre,
de la Barre und d'Hervelois zeigten sich teils klar verwurzelt in der
französischen Suitentradition, teils aber auch schon geprägt von der aus Italien
kommenden Sonatenform. Unabhängig aber von der Großform experimentierten alle
Stücke mit barocktypisch klarer Hierarchieunterscheidung von Begleit- und
Melodiestimme einerseits und andererseits an Gleichberechtigung orientierten
kontrapunktischen Techniken, angefangen von kleinen Imitationsformen bis hin zu
veritablen Fugen.
Fast ein wenig überraschend stach dabei eine Suite
d'Hervelois' hervor. Denn die war im Original für Gambe und Flöte konzipiert.
Engelke mit Altflöte füllte den flötenuntypisch mit vielen Sprüngen gewürzten
Gambenpart aber gut aus, während Dannecker seine Sopranblockflöte nicht nur voll
expressivem Esprit und rhythmisch inspiriert blies, sondern auch eine
Virtuosität entfaltete, die den übrigen Franzosen abging. Freilich, auch bei den
übrigen Stücken überzeugte das Ensemble mit kontrastreich-detaillierten
Interpretationen, ein veritabler Funkenflug aber wie bei d'Hervelois blieb aus.
Für auffälligere Farbtupfer sorgten dagegen nochmals Stücke
deutscher Tonsetzer. Bei einem ariosen Dolce Telemanns für zwei Altblockflöten
meinte man etwa schon spätere Mozart'sche Opernkunst herauszuhören. Und eine
Sonate Matthesons für drei Altblockflöten wirkte mit ihrer vielfach
entschiedeneren Funktionsauffächerung der Stimmen in vielen Momenten organischer
und klarer als Boismortier in selber Besetzung.

Kreiszeitung Böblinger Bote, 5. November 2007
Kammerensemble für Alte Musik in Holzgerlingen
Traumhaft
schöne Barockmusik
Holzgerlingen - Manche aus der Mode gekommene Wendung besitzt
eine seltsame Schönheit, sei die Wendung nun sprachlicher oder musikalischer
Natur. "Kostbar" fällt in diese Kategorie oder "sachte", auch "lieblich". Bei
diesem Konzert mit Alter Musik kamen einem solche altmodischen Begriffe in den
Sinn: Man hörte kostbare Quartette von Telemann, die lieblich klangen und sachte
vorgetragen wurden.
VON JAN RENZ
Z um dritten Mal war das Kammerensemble der Akademie
für Alte Musik in der Stadthalle Holzgerlingen zu Gast. "Wir spielen unglaublich
gern hier", sagte die Akademiedirektorin Prof. Ulrike Engelke.
Zu Gast war auch Simon Standage aus London, der gerade einen
mehrtägigen Violinkurs in Altdorf leitet (ausführlicher Bericht folgt). Konzerte
mit ihm sind immer etwas Besonderes. Er trat bei Telemann in einen spannenden
Dialog mit der Traversflöte Ulrike Engelkes. Und nach der Pause war er sogar
Solist: Leclair interpretierte er mit gehaltvollem, gespanntem Ton. Diffizile
Aufgaben löste er elegant. Sein Ton ist höchst intensiv. Man lauschte ihm
gebannt.
Telemann hat mit zwölf Jahren seine erste Oper komponiert,
das spricht für erstaunliche Frühreife, vieles brachte er sich allerdings selber
bei. Etwa 1000 Instrumentalwerke hat er geschaffen, darunter auch das erste
Streichquartett der Musikgeschichte. Das Internationale Kammerensemble bot
natürlich keine Opernmusik. Aber bei einer traurigen Flötenmelodie stiegen doch
Bilder in einem auf. Apropos Bilder: Auf der Glasfront der Stadthalle spiegelten
sich die Musiker, die so famos aufspielten. Es gab nur wenige Wackler. Die
Akademiedirektorin verfügt über ausgezeichnete Kontakte, sodass sie immer wieder
interessante junge Musiker verpflichten kann. Viktor Töpelmann aus Köln besaß
einen schönen, hellen Ton, seine Viola da gamba klang attraktiv. Bei Telemann
tritt sein Instrument gleichberechtigt neben die Partner, ein Novum in der
Musikgeschichte.
Am Cembalo saß Friederike Chylek aus Basel, die ziemlich
gefordert war. Wenn es hoch herging, musste Ulrike Engelke all ihr Können
aufbieten. Man hat bei Akademiekonzerten schon herzhaftere Barockmusik gehört.
In der Stadthalle Holzgerlingen dominierte das Luftige und Filigrane. Auf dem
Programm standen mehrere der "Pariser Quartette" Georg Philipp Telemanns,
traumhaft schöne Musik aus dem Jahr 1737 (der Komponist wurde 1681 geboren). Das
allererste Quartett wirkt vielleicht am mattesten. Bach klingt dagegen markanter
und individueller. Einige Male denkt man an Vivaldi, hier wird mit
Versatzstücken operiert. Aber dann gewinnt die Musik an Persönlichkeit. Das
zweite Quartett ist schon satter im Klang, und bezaubernder in den Wendungen, es
fällt einem nur das Wort "lieblich" ein. Feine Musik mit kurzgliedrigen Themen
ist das; Wagners unendliche Melodien sind denkbar weit entfernt. Die Flöte stand
übrigens gar nicht im Vordergrund. In zwei Stunden wurde vorgeführt, warum
Barockmusik so faszinierend ist: Sie ist alt, aber nie veraltet, gefällig, aber
selten oberflächlich. Zu keiner Zeit wirkte diese affektreiche Musik verstaubt.
Etwas über 50 Menschen interessierten sich für diesen Abend
mit Alter Musik in der Stadthalle. Eine Prophezeiung kann man jetzt schon wagen:
Irgendwann einmal werden bei Akademiekonzerten auch die großen Säle ausverkauft
sein.

Sindelfinger Zeitung / Böblinger Zeitung, 5. November 2007
Quartett der Akademie für Alte Musik von Ulrike Engelke in
der Stadthalle Holzgerlingen
Es gibt zwei Sieger im Wettstreit
Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Das Internationale Kammerensemble der Akademie für Alte Musik
präsentierte in der Holzgerlinger Stadthalle vier von Telemanns Pariser
Quartetten sowie eine Sonate Jean-Marie Leclairs. Wohl ist Telemann der in den
letzten Jahren meistgespielte Komponist des Ensembles unter Leitung der
Altdorfer Akademie-Chefin Ulrike Engelke, dieses Konzert bescherte dennoch neue
Eindrücke.
Denn neben Ulrike Engelke an der Traversflöte und dem
bewährten Simon Standage an der Barockvioline sowie der ausgezeichneten
Cembalistin Friederike Chylek nahm erstmals Viktor Töpelmann Platz mit einer
siebensaitigen Viola da Gamba Platz. Ein Streichinstrument mit Bünden, das mit
seinen abfallenden Schultern von der Form am ehesten an einen kleinen Kontrabass
erinnert, dessen Korpusgröße aber nicht einmal den eines modernen Cellos
erreicht.
Laut Engelke waren Georg Philipp Telemanns Pariser
Gambenparts in den Quartetten auf die damals größten Virtuosen zugeschnitten.
Tatsächlich spielte Töpelmann in der Holzgerlinger Stadthalle keinesfalls nur
eine Begleiterrolle, ja nicht einmal so etwas wie bloß die zweite Geige.
Telemann hat der Gambe in diesen Quartetten eine
gleichwertige, zeitweise gar führende Rolle zugewiesen. Die an der Suitenform
orientierten, vom Ensemble folgerichtig mit viel tänzerischem Esprit
interpretierten Quartette brachten so nicht nur immer wieder Solopassagen des im
Vergleich zum Cello mehr näselnden als singenden Instruments. Nein, in seinem
fünften Quartett komponierte Telemann einen regelrechten Wettstreit zwischen
Violine und Gambe, der freilich zwei Sieger hat.
Insgesamt aber verblüffte, wie Telemann unter Nutzung von oft
volkstümlich anmutender Motivik und fröhlicher Mischung aus kontrapunktischen
und Generalbasstechniken zu einer gleichgewichtigen Rolle von Flöte, Violine und
Gambe kommt. Nur nebenbei sei erwähnt, dass Mozarts Cellobehandlung in seinen
ersten Streichquartetten daneben reichlich unbeholfen wirkt.
Ende für Viola da Gamba
Deutlich wurde in der Holzgerlinger Stadthalle allerdings
auch einer der wohl maßgeblichen Gründe, warum die Viola da Gamba sich zum Ende
des 18. Jahrhunderts allmählich aber sicher aus dem Konzertleben verabschiedete
und vom Cello verdrängt wurde: Selbst bei herzhaftem Zugriff entwickelt sich
kaum ein wirklich tragender Ton. Um so größer das Verdienst des Ensembles, das
trotz der auch im Ton sehr zarten Traversflöte in der großen Stadthalle noch
kontrastreich rhetorische und figurative Strukturen herausarbeitete.
Mit Jean-Marie Leclairs (1697 bis 1764) Sonate für Violine
und Generalbass stand an diesem Abend ausnahmsweise Violinist Standage im
unbestrittenen Mittelpunkt. Dass selbst ein Meister wie Standage in
mehrstimmigen Doppelgriffpassagen für Wimpernschläge nicht ganz ungefährdet
operierte, zeigt nur, welch Ausnahmeviolinist Leclair im damaligen Frankreich
gewesen sein muss.

Böblinger Zeitung , 6. August 2007
Akademie für Alte Musik in Holzgerlingen
Joseph Haydn überzeugte im Sommerloch
Von Jan Renz
Holzgerlingen - Die ersten drei Klaviersonaten widmete Ludwig
van Beethoven seinem Lehrer Joseph Haydn. Das ist eine tiefe Verbeugung. Von
Haydn hatte Beethoven gelernt, aus kleinen Motivzellen große Werke zu
entwickeln. Haydn wurde häufig zum Beethoven- Vorbereiter verkleinert. Dabei hat
er ein riesiges, eigenständiges, vielgestaltiges Werk vorgelegt: Unmengen von
Klaviersonaten, Streichquartetten und Sinfonien stammen aus seiner Werkstatt.
In Holzgerlingen waren nun drei Kompositionen aus seiner
Feder zu hören. Die Verantwortlichen der Akademie für Alte Musik in
Baden-Württemberg sind mutige Leute: Sie legen ein Konzert in die
Sommerferienzeit und vertrauen auf ihr Publikum. Wenn man den Zeitpunkt bedenkt,
war die große Stadthalle gar nicht so schlecht besucht: etwa fünfzig
Musikfreunde hatten sich eingefunden.
Das Interessante war nicht nur das Programm, sondern auch die
Besetzung: Die Pianistin Anja Breuer und die Cellistin Ingrid Uhle leben in
Breitenstein, die Flötistin Ulrike Engelke stammt aus Altdorf. Zum ersten Mal
fand ein Konzert der Akademie in der Holzgerlinger Stadthalle statt. Diesmal kam
kein zirpendes Cembalo, sondern ein ausgewachsener Flügel zum Einsatz. Breuers
Klavierspiel perlte, war von betonter Behutsamkeit.
Das Konzert in der Stadthalle begann mit Haydns G- Dur Trio
für Klavier, Flöte und Cello und endete mit dem in
D-Dur. Charles Rosen, der bekannte Musikologe, nennt sie „gefällige, aber nicht
weiter interessante Werke". Dem kann man widersprechen, insofern die genannten
Werke viel Haydn enthalten: Anmut und Witz gehen Hand in Hand. Haydn ist ein
Mann der Überraschungen: Phrasen brechen ab, plötzliche Pausen treten ein,
unerwartete Akkorde verblüffen den Hörer. Das erste Trio war sehr zurückhaltend
interpretiert, mit Sorgfalt und Liebe zum Detail. Die Musik pulsierte sensibel.
Sie kennt weder Beethovens massive Wucht, noch Mozarts leichte Düsternis.
Es folgte Hoffmeisters „Nouvelle Grande Sonate", nette,
harmlos plaudernde Musik, die man schnell wieder vergisst, so denkt man
zunächst. Aber dann, im zweiten Satz, werden die Klänge plötzlich persönlich,
eine andere Welt tut sich auf. Die Musik ist von eleganter Traurigkeit und
berührt den Hörer. Und im Finale erlebt man Dur-Moll-Wechsel wie bei Schubert
(Hoffmeister starb 1812).
Nach der Pause erklangen Variationen über die deutsche
Nationalhymne, ein überflüssiges Werkchen von zehn Minuten Dauer. Zum Glück sind
es nur vier Variationen. Das Thema stammt von Haydn, die Bearbeitung von
Theobald Böhm. Mit Beethovens Variationskunst kann sich dieser Zyklus nicht
messen.
Alle drei Solistinnen waren im Schlusswerk gefordert, sie
gingen hörbar aus sich heraus, es war ein lebendiger Haydn. Ulrike Engelke, die
Akademie-Direktorin, musizierte ausdrucksvoll, auf Anja Breuer und Ingrid Uhle
war stets Verlass. Manche Passage hätte man stürmischer gestalten können. Der
Akademie für Alte Musik in Baden-Württemberg verdankt man schon einige
interessante Konzerte.
Das nächste Konzert der Akademie findet bereits am 5.
September statt.

Sindelfinger Zeitung vom 19.5.2007 zum Konzert am 16.5.2007
in Altdorf
Altdorf: Kammerensemble der Akademie für Alte
Musik in der evangelischen Kirche
Johann-Sebastian Bach zum Kuckuck
Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden
Ausschließlich Werke von J. S. Bach und Georg Philipp Telemann hatte sich das
in Trio-Stärke versammelte Kammerensemble der Akademie für Alte Musik
Baden-Württemberg an seinem Stammsitz in Altdorf diesmal ausgewählt. Das auf
historische Aufführungspraxis spezialisierte Ensemble bescherte dennoch
Abwechslung.
Mit knapp hundert Besuchern zählte dieser Auftritt zu den besser besuchten
Konzerten des sich die Jahre über stets in wechselnder Besetzung und in Altdorf
an wechselnden Spielorten präsentierenden Ensembles. Akademie-Leiterin Ulrike
Engelke an Travers- und Blockflöte, Simon Standage an der Barock-Violine und
Friederike Chylek am Cembalo vereinte dieser Abend in der evangelischen Kirche
im Tutti.
Höhepunkt der Gattung
Auf die Kompositionen bezogen bildete den Konzerthöhepunkt indes zweifelsohne
die g-moll Sonate für Violine solo von Bach, dessen Suiten, Partiten und Sonaten
für Violine und Cello solo ja wohl unbestritten den auch danach nie wieder
erreichten Höhepunkt dieser Gattung markieren.
Dass die Meisterung dieser Jahrtausendwerke enorme Anforderungen an den
Interpreten stellt, ließ sich auch bei Standages fast vibratofreier Darbietung
der g-moll Sonate erleben: In der auch wegen ihrer Mehrstimmigkeit sehr
diffizilen Fuge musste Standage beim einen oder anderen Ton etwas Klangqualität
opfern.
Dafür setzte er konsequent und kohärent auf die Herausarbeitung der
Polyphonie. Das rasante, lange Presto kam mit kaum merklichem Bogendruck
luftig-kleinteilig, trotz Tempos artikuliert und dank des Barockinstruments
vielfarbig schillernd daher.
Vom Gesamteindruck allerdings wirkte die Solosonate mit zwei
langsam-bedächtigen Sätzen (Adagio und Siciliano) rational-kalkuliert in ihrer
Machart, verglichen mit der Bach-G-Dur Triosonate (BWV 1039), die das Ensemble
gemeinsam spielte: Tänzerischer Esprit beseelte das Allegro, Frühlingsgefühle
vermittelte gar das abschließende, rhythmisch zugespitzte, im Tempo aber eher
defensiv genommene Presto, in dem sich Traversflöte und Violine mit Imitationen
wie ein balzendes Kuckuckspärchen gerierten.
Die eindrucksvollste Vorstellung lieferte U1rike Engelke allerdings mit der
Telemann-8onate C-Dur für Blockflöte und Basso continuo: Solch Staccato- und
damit Zungenartistik in mutigen Allegros lässt die Akademiechefin längst nicht
bei allen ihren Konzerten hören.
Bemerkenswerte Triosonate
Überzeugend an der Blockflöte auch die expressive Gestaltung im Lyrischen in
zahlreichen ruhigeren Sätzen des Abends, etwa den Affetuosos einer a-moll
Telemann-Triosonate, aber auch im Cantabile der abschließenden, mit ihren
einkomponierten Einbrüchen ganz bemerkenswerten Triosonate des in Hamburg
gestorbenen Meisters.
Nicht nur mit Standage, sondern auch gerade mit der mit Feeling spielenden,
mitdenkenden Cembalistin Friederike Chylek hatte Engelke diesmal im Übrigen zwei
sehr wertvolle Mitmusiker engagiert.

Schwäbische Zeitung vom 22.5.2007 zum Konzert am 15.5.2007
in Sigmaringen
Gepflegte Konzertmusik kontrastiert mit Texten über trinkende Künstler
Von unserer Mitarbeiterin Vera Romeu
SIGMARINGEN - Aus zwei Ideen ist ein schönes Konzept entstanden: ein Konzert
des internationalen Kammerensembles Baden-Württemberg, verbunden mit der Lektüre
aus Archivalien über Musik am fürstlichen Hof in Hechingen. Dr. Volker
Trugenberger, Leiter des Staatsarchivs Sigmaringen, begrüßte 80 Zuhörer im
Spiegelsaal.
"Die Flötistin Ulrike Engelke besuchte im vergangenen Jahr die Ausstellung ,
Adel im Wandel'. Die Räume in Sigmaringen haben sie begeistert und sie bot uns
ein Konzert an", begrüßte Trugenberger das weit angereiste Publikum. Die
Besonderheit an diesem Abend war die im Konzertprogramm eingefügte Lesung aus
Archivalien mit der Archivarin Sibylle Brühl als Auftakt der Reihe "Archivalienlesung
im Staatsarchiv Sigmaringen".
Ulrike Engelke, Flötistin, gilt als international renommierte Spezialistin
auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis. Simon Standage, Violine, ist
Professor an der Royal Academy of Musik in London und gehört zu den bekanntesten
Barocksolisten, der sich auf historische Interpretation des klassischen
Repertoires spezialisiert hat. Friederike Chylek, Cembalistin, studierte an der
Hochschule für Alte Musik in Basel. So stand die Veranstaltung unter dem guten
Stern der historischen Interpretation.
Das Konzertprogramm begann mit der Sonate a-Moll von Georg Philipp Telemann.
Im ersten Satz "Affetuoso" zeigte sich das weich-fließende Spiel der Flötistin
Engelke. Ein höfisches Gespräch schien sich zwischen der Flöte und der Violine
zu entfalten. Das Cembalo wob sich mit der eigenartigen Dynamik der gezupften
Saiten wie eine feste Kette in die Farbigkeit eines kostbaren Klangteppichs.
Eine feine Melancholie war im dritten Satz "Grave" zu spüren, die das
anschließende "Menuett" aufhob. Standage beeindruckte bei Johann Sebastian Bachs
Sonate g-Moll mit einem Violine-Solo. Das "Adagio" breitete sich in der Akustik
des Spiegelsaals aus. Das Thema der "Fuge", kristallin vorgestellt, entfaltete
ein schönes Volumen in den tieferen Lagen. Das Publikum folgte dem
atemberaubenden "Presto" und dankte mit heftigem Applaus.
Zeitlose Schönheit nimmt Raum ein
Dann begann Sibylle Brühl zu lesen: Archivalien aus der Zeit des Renaissance
Fürsten Graf Eitelfriedrich IV. von Hohenzollern-Hechingen zeugten von der
Lebenslust der höfischen Musiker: Strenge Regeln musste der Graf erlassen, um
Trinkgelage und Prügeleien unter den Künstlern zu zügeln. Spannend las Brühl aus
den alten Texten und zeigte eine Seite des höfischen Musiklebens, die mit dem
gepflegten Ton des Konzerts kontrastierte. Schließlich entfaltete sich die
leichtere Stimmung des Dur mit der Triosonate G-Dur von Johann Sebastian Bach.
Die zeitlose Schönheit aus einem anderen Jahrhundert nahm den Raum ein. Die
Zärtlichkeit der Flöte schwebte im goldenen Raum, die Violine streich(el)te
Antworten.
In der darauf folgenden Lesung erzählte Brühl von der Wertschätzung des
Fürsten Konstantin für seinen Kapellmeister Thomas Täglichsbeck. Die Musik hatte
einen hohen Stellenwert an seinem Hof und der Fürst baute die Hofkapelle zu
einer qualitätsvollen Institution auf. Er zeigte sich auch als fundierter
Musikkritiker. Im Bereich der Musik kam es am Sigmaringer Hof nie zu
vergleichbaren Glanzzeiten wie in Hechingen. Doch Fürst Anton Aloys mochte die
Oper und engagierte Künstler.
Die Sonate C-Dur für Blockflöte und Basso Continuo von Telemann zeigte das
gepflegte und konzentrierte Spiel der jungen Cembalistin und die virtuose
Professionalität der Flötistin. Das Konzert endete in der anfänglichen
Melancholie des Molls mit der Triosonate a-Moll von Telemann. Wie ein
Zurückschauen, wie ein Spiegeln, aber mit dem Glanz der Leichtigkeit des
vorangegangenen Dur im Herzen.

Böblinger Zeitung vom 26.2. 2007 zum Konzert am 23.2.2007
in Altdorf
Konzert der Akademie für Alte Musik in Altdorf
Aufregende Vielfalt des Barock
von Jan Renz
Altdorf - In seiner meisterlichen Erzählung
"Das Treffen in Telgte" möchte uns Günter Grass die Barockzeit näher bringen:
Das gleiche Ziel verfolgt die Akademie für Alte Musik Baden- Württemberg, und
zwar mit einigem Erfolg: Die Konzerte der Akademie. mit überwiegend unbekannter
Barockmusik erfreuen sich immer größerer Beliebtheit: Der Saal des Altdorfer
Feuerwehrhauses war am Freitag viel besser besucht als das Eröffnungskonzert im
vergangenen Jahr.
Das Interesse an Barockmusik scheint in der
Region groß zu sein. Gut besucht sind auch die Meisterkurse der Akademie.
Kammermusik für Blockflöte stand diesmal auf
dem Programm, mit Komponisten, die nur Barock-Spezialisten ein Begriff sind. Wer
kennt etwa Johann Christoph Schulze? Insofern waren die ausführlichen
Erläuterungen der Flötistin und Akademie-Direktorin Ulrike Engelke hilfreich.
Das Programm führte nach Frankreich und
Italien und endete in Deutschland. Dargeboten wurde, einmal mehr, die aufregende
Vielfalt der Barockmusik.
Engelkes Schüler, der mit vielen Preisen
bedachte Achim Dannecker aus Böblingen, 1972 geboren, brillierte mit seiner
Blockflöte. Er und seine Lehrerin haben sich in der Region und darüber hinaus
durch zahlreiche Konzerte einen Namen gemacht. Am Cembalo saß Toshiko
Narita-Schmidt, sie studierte in Japan bei einer Schülerin des großen Artur
Schnabel. Das Trio bestach durch sorgfältiges, gefälliges Musizieren und
breitete die ganze Palette der Barockmusik aus: Tänzerisch oder marschmäßig,
beschwingt oder beschwert wirkten die Werke. Heiterkeit überwog.
Mit ganz hellen Klängen begann der Abend: Zwei
Werke Girolamo Frescobaldis gefielen. Der Italiener war laut Programm ·ein
hervorragender Improvisator und gilt als Begründer eines neuen Orgelstils.
Deutlich dunklere Klänge mobilisierte die Cembalistin bei Forquerays fünfter
Suite und schuf differenzierte Charaktere. Forqueray war auch Gambist; wie viele
seiner Kollegen beherrschte er mehrere Instrumente.
Auch der produktive Boismortier ist ein
vergessener Komponist, zu Lebzeiten war er berühmt, da er den Zeitgeschmack
traf. So kam er zu großem Reichtum. Sein "Ballet de Village en Trio" brachte
Ulrike Engelke auf einen Nenner: „Viele Charaktere, aber ein Pulsschlag". Das
galt für fast alle Werke des Abends. Wie bereichert man eine Melodie? Diese
Frage stellte sich die Akademie-Direktorin bei einer Sonata von Francesco
Barsanti. Sie präsentierte eine schmucklose Kantilene und demonstrierte dann,
was der Komponist durch Verzierungsaufwand daraus macht.
Ein Höhepunkt des Konzerts war Telemanns
d-moll-Sonate für Altblockflöte und Basso continuo, von Achim Dannecker
geistvoll-virtuos und mit kernigem Ton geboten. Im Andante begegnete man
merkwürdigen Dissonanzen. Eine. Triosonate von Quantz, des berühmten
Flötenvirtuosen, bildete den festlichen Abschluss des reichhaltigen Konzerts.
Viele Flötenwerke, aber keine Eintönigkeit: Lebendigkeit und Eleganz zeichneten
das Zusammenspiel der Musiker aus. Das Publikum erklatschte eine Händel-Zugabe.
Am 16. Mai findet das nächste Konzert der Akademie statt.

Böblinger Zeitung vom 3. 11. 2006 zum Konzert am 1.11.2006
in Altdorf
Akademie für Alte Musik in Württemberg:
Simon Standage
mit
viel Elan
Ein befeuernder Geiger
Von Jan Renz
Altdorf - Es war der Abend des Simon Standage. Mit
schillerndem Geigenspiel stellte er sich dem Altdorfer Publikum in der Festhalle
vor und erhielt außerordentlich viel Applaus. Er führte höchst gekonnt und
ebenso charmant die Möglichkeiten der Barockvioline vor. Manchmal versuchte er
sogar, deutsch zu sprechen. Er versuchte es?
S tandage ist Professor an der Londoner Royal Academy
of Music und ein international renommierter Solist. Seit 1992 ist er Dozent für
Barockvioline an der Akademie für Alte Musik Württemberg (AAMWü) und leitet deren
Barockorchester. Sportiv, mit großen Schritten nimmt er die Stufen zur Bühne,
etwas grimmig schaut er nach einem Auftritt drein. Aber man merkt schnell: an
diesem Abend ist er bester Laune.
Ihm zur Seite standen beim Konzert Ulrike Engelke, Flöten,
Chia-Hsuan Tsai, Cembalo, und Helmut Engelke, Barockvioline. Das "Stehen" ist wörtlich zu verstehen: die Musiker (die
umsichtige Cembalistin ausgenommen) saßen nicht, sondern standen vor den
Notenpulten. Der agile Geiger befeuerte seine Mitstreiter an dem kalten
Herbstabend. Flöte und Streicher ergaben einen angenehmen, farbigen Gesamtklang.
Das Ambiente entspricht dem nicht: die Festhalle ist ein
kahler Raum. Die Reizlosigikeit des Baus ist aber vielleicht ein besonderer
Reiz. In dieser Kulisse finden schöne Konzerte statt. Überaus gelungen: die
Programmgestaltung. Nichts Altbekanntes, sondern unverbrauchte Alte Musik.
Sieben Barock-Komponisten und damit die Vielfalt der Alten Musik wurden
präsentiert, und zwar auf muntere, witzige, lebendige Weise. Die Musiker waren
hörbar in ihrem Element. Der Konzerttitel: "Biber und Zeitgenossen". Zu
entdecken war: Barockkomponisten sind keine zart besaiteten Wesen. Sie
produzieren mit energischem Ausdruck.
Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644-1704) war ein
Violinvirtuose, was man seiner Musik anmerkt. In der "Sonata representativa" wird
dem Solisten viel abverlangt und es werden Tierstimmen imitiert. Das Feierliche
und das Komische werden gemischt. In dem Stück war das ganze Programm enthalten:
Festliches stand neben Amüsantem. In Nichola Matteis "Fantasia" wird sogar die
Stille mit einbezogen.
Vielstimmiges, Farbiges nach der Pause: Scarlatti, Biber,
Telemann. Getragenen Schönklang produzierte Flötistin Ulrike Engelke. Im
vorletzten Stück des Abends stand Simon Standage allein auf der Bühne: Bibers "Passacaglia"
aus dem Jahr 1676 ist ein vielgesichtiges Werk und erfordert ein Höchstmaß an
Konzentration. Der Geiger besaß sie. Die Bassstimme bleibt gleich, die Musik
entwickelt sich: Mühelos füllte der Geiger die Festhalle mit seinem großen und
zudem attraktiven Ton.
Die Werke des Abends bargen viele Überraschungen und
unerwartet viel Ausdruckswillen. Bereichernd wie die AAMWü-Konzerte insgesamt
für das hiesige Musikleben.

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